„Selten wurde Monotonie so gut inszeniert. Das Publikum ist begeistert und übt sich in einer komplett analogen Tätigkeit: Applaudieren. Und das sogar im Stehen.“

2021, Openair-Uraufführung am Deutschen Theater Göttingen

Konzept und Idee: Antje Thoms und Jan-S. Beyer Regie und Text: Antje Thoms Dramaturgie: Matthias Heid Ausstattung: Florian Barth Musikalische Leitung: Jan-S. Beyer Fotos: Thomas M. Jauk / Stage-Picture

Mit: Jan-S. Beyer, Gaby Dey, Daniel Mühe, Katharina Müller, Nathalie Thiede, Andrea Strube, Christoph Türkay, Tobias Vethake, Gaia Vogel, Paul Wenning

„Der Tourismus macht weiter, die Theater machen weiter, das Wetter macht weiter, Tag und Nacht machen weiter, der Mond geht auf, die Sonne geht auf, die Augen gehen -„

Dass die Deutschen ein reiselustiges Völkchen sind, belegen zahlreiche Statistiken. Kaum zeichnen sich am Horizont des grauen Arbeitsalltags ein paar freie Tage ab, packt uns das Fernweh. „Nix wie weg“, denkt sich der reiselustige Mensch, „schließlich ist es überall besser als im Büro.“ Und bucht, als stünde ihm seine Last Minute bevor. Doch in Pandemiezeiten ist unser Radius klein geworden, die Weltreise in weite Ferne gerückt. Last Minute war vorletztes Jahr, statt schneller Befriedigung des Sonnenhungers zu Schnäppchenpreisen ist sorgfältige Reiseplanung angesagt.

Und die beginnt diesmal nicht im Internet, sondern im Reisebüro „Bon Voyage“, für welches das DT Göttingen sein Parkdeck kurzerhand in eine Urlaubsoase verwandelt. Denn eines haben Theater und Reisebüro schließlich gemeinsam: Beide handeln mit Träumen, Sehnsüchten und einer Welt, die immer ein bisschen besser ist als die Realität.

 

Herrlicher Sommerabend – im Urlaub auf dem Parkdeck

Die Stimmung ist trist in dem Reisebüro „Bon Voyage“. Ein kleines Virus hat die Welt lahm gelegt. Reisen? Undenkbar. Wenn das Telefon klingelt, wird storniert. Chefin Cindy Jane Möller feilt an ihren Nägeln, die Laune auf dem Nullpunkt. Mitarbeiterin Moni Fischer überwacht schon fast manisch das Einhalten von Hygiene und Abstandsregeln in dem kleinen Laden, immer den Zollstock bei der Hand. Nina Weber ist das Sonnenscheinchen der Truppe. Sie studiert mit den unlustigen Kollegen kleine Spielchen ein. Kevin, der Auszubildende, ist ein bisschen verpeilt. In der Ecke sitzt Rudi Maria Kron und liest Göttinger Tageblatt. Aus einem Artikel zitiert er, in dem das Durchhaltevermögen gerade von Friseuren und Reisebüros gelobt wird. Warum Kron „mit K“ zum Inventar gehört, weiß eigentlich nur Chefin Cindy Jane. Beide verbindet offenbar eine gemeinsame Vergangenheit. Und dann sind da noch die beiden Musiker, die den neuen Werbesong mit der Belegschaft proben wollen. Doch Cindy Jane winkt ab. Hin und wieder kommt ein Postbote oder ein Lieferant vorbei, der Karten und Pakete bringt.

Zusammen mit dem Musiker Jan-S. Beyer hat Hausregisseurin Antje Thoms diesen Abend auf die Bühne gebracht, in dem mehr gesungen als gesprochen wird. Die Liste der Lieder, die den 90-minütigen Abend mit Leben füllen, ist lang. Alle handeln von Sehnsucht, von Fernweh, vom Reisen und wie das schiefgehen kann. Viele Preziosen haben Beyer und Thoms zusammengetragen, manche in Vergessenheit geratene Schätze der Popmusik, große Hits und kleine Schönheiten. Ja, auch fiese Schlager sind dabei, die plötzlich so viel schöner klingen.

Viel Spaß bereitet diese Reise durch die manchmal seichten, manchmal tiefgründigen Ozeane der Unterhaltungsmusik, die doch auch einige Traurigkeit in sich trägt über verpasste Chancen, falsche Entscheidungen, verlorene Liebe und das Leben in der Sackgasse. Dass dieser Abend auf hohem Niveau gelingt, liegt an dem gewohnt sangesfreudigen Ensemble. Es liegt aber auch nicht unwesentlich an dem sehr professionellen Musiker-Duo. Thoms hat die Fäden offensichtlich mit viel Vergnügen zusammengesponnen zu einem sehr runden Abend. Das Publikum feierte Produktionsteam und Ensemble begeistert mit Applaus im Stehen.

Der Retter kommt auf der Solo daher

Sie haben es mal wieder getan. Zum dritten Mal innerhalb eines Jahres haben Antje Thoms und Florian Barth ein sehenswertes Statement zur Corona-Pandemie abgegeben. Nach den Experimenten „Die Methode“ und „Tankstelle“ ist „Mit dem Moped nach Madrid“ ganz den klassischen Theatermitteln verhaftet.

Selten wurde Monotonie so gut inszeniert. Es wirkt wie das „Warten auf Godot“ in Corona-Zeiten. Hinter der durchdachten Sammlung popkultureller Zitate stecken lauter kleine Geschichten, die erzählen, wie die Corona-Krise Tausende von Biografien umgeworfen hat. Die bitterböse Satire zeigt, wie Lebensläufe entwertet wurden. Manchmal bleibt einem das Lachen im Halse stecken, bei so viel Realitätsnähe.

Gerade noch ein Traumjob, sind die Reisekaufleute die Verlierer der Krise. Selbst das Subproletariat der Paketboten scheint ihnen nun überlegen. Denen geht es auch nicht besser, aber sie sind die neuen Helden. Das Publikum ist begeistert und übt sich in einer komplett analogen Tätigkeit: Applaudieren. Und das sogar im Stehen.

Schräger Bühnenspaß

Ziemlich apathisch wirkt die mutlose Belegschaft des Reisebüros Bon Voyage hinter ihren Schreibtischen. Die letzten Buchungen sind storniert, das Telefon ist stumm, die Nerven liegen brach. Pandemie ist angesagt und damit Ebbe in den Auftragsbüchern. Und nun? Frust schieben oder sich was einfallen lassen? Die Büro-Crew bleibt – zur Freude des Publikums lethargisch, lässt sich weder durch gemeinsame Gymnastik, noch durch Meditation oder neu kreierte Slogans motivieren. Das Stimmungsbarometer sinkt sogar noch weiter. Denn neben dem Frust über die schlechte Geschäftslage schleichen sich auch noch Erinnerungen ein, brechen alte Wunden auf. Frust und Enttäuschungen entladen sich, alles, was mit Urlaub zu tun hat – alte Ansichtskarten, Urlaubsorte wie Ibizza, Urlaubsflirts und Liebesschritte am fernen Strand – wird zum Aufhänger für das eigene Unglück. Schräg und witzig kommen die Kommentare rüber, schräg und witzig bringen die Darsteller auch die vielen Gassenhauer und Ohrwürmer, die den Dialogen Würze geben. Ein guter Schuss Melancholie fehlt ebenso wenig wie Szenen mit menschlicher Tiefe. Ob das Reisebüro und seine liebenswert verrückte Belegschaft aus der Krise wieder herausfindet und was in der mannshohen Kiste steckt, die gegen Ende des Stückes auf die Bühne gehievt wird, sei hier nicht verraten. Zu Recht viel Applaus.