„Was für ein Auftakt noch vor der Saison: Göttingen gehört offenbar viel öfter auf den Theater-Reiseplan.“

2017, Uraufführung in der Tiefgarage des Deutschen Theater Göttingen

Text und Regie: Antje Thoms nach George Orwell Dramaturgie: Matthias Heid Ausstattung: Florian Barth Musik: Fred Kerkmann Fotos: Thomas M. Jauk / Stage-Picture

Mit: Klaus Eickhoff, Gaby Dey, Lutz Gebhardt, Dario Gödecke, Jan Hendrik Huttanus, Nikolaus Kühn, Felicitas Madl, Roman Majewski, Marco Matthes, Dorothée Neff, Ida Nossek, Paul Wenning u.v.a.

„Binsenwahrheiten sind wahr, daran muss man festhalten. Die Welt existiert, ihre Gesetze ändern sich nicht. Steine sind hart, Wasser ist nass. Freiheit bedeutet die Freiheit, zu sagen, dass zwei und zwei vier ist.“

 

„Die Vergangenheit wird ausradiert. Das Ausradierte vergessen. Die Lüge wird Wahrheit und wieder Lüge.“ Winston Smith arbeitet im Ministerium für Wahrheit, in welchem Geschichte ausgelöscht und die Geschichtsschreibung im Sinne der Parteilinie neu formuliert wird. Die perfekte Sprache verringert den Wortschatz und zielt auf die Auslöschung des freien Geistes. Das Leben der Menschen innerhalb dieses totalitären Systems ist gekennzeichnet von Einsamkeit, Misstrauen, Angst und ständiger Kontrolle. Die Denkpolizei überwacht permanent die gesamte Bevölkerung, jeder falsche Gedanke ist ein Verbrechen. Unter diesen Umständen begibt sich Winston in Lebensgefahr, als er beginnt, seine systemkritischen Gedanken einem Tagebuch anzuvertrauen.

Aber wie soll man seinen Standpunkt verteidigen, wenn es keine objektive Wahrheit mehr gibt? Wenn selbst die eigene Biografie sich aufzulösen scheint, weil Details aus ihr verschwinden? Kann man seinen Augen trauen, den Ohren? Welche Wahrheit ist die richtige und wessen Version der Erzählung stimmt?

In der Tiefgarage des Deutschen Theaters wird der Zuschauer zum Spion, zum Mitwisser und zum Teil eines Systems, das jeden zu jeder Zeit überwacht. Nichts gehört einem, bis auf die paar Kubikzentimeter im eigenen Schädel. Und auch das ist nicht wirklich sicher.

Göttingen gehört viel öfter auf Theater-Reiseplan

Ein ganz starker Start ist das in der Göttinger Version. Der Zauber hält lange vor, auch weil wir selbst zu Big Brother werden und anderen ungefragt in die Fenster schauen. Was für ein Auftakt noch vor der Saison: Göttingen gehört offenbar viel öfter auf den Theater-Reiseplan.

Bedrohlich, berührend, beängstigend und phänomenal

George Orwell schildert eine grausame Welt, die das Team um Regisseurin Thoms in der DT-Tiefgarage erlebbar macht. Barth hat einen Erlebnisraum der düsteren Sorte geschaffen, den jeder einzelne Besucher ganz individuell erlebt, mal voyeuristisch von außen, dann wieder zum Anfassen dicht dran, ganz weit weg über Monitore oder nur akustisch über die Kopfhörer. Unklar bleibt, ob jeder jeden Raum betritt, klar ist am Ende: Jeder hat seine ganz eigene Vorstellung erlebt. Ein sehr nachhaltiges und umfassendes Theater, wie es intensiver und vollständiger kaum zu erleben ist, ein ganz großer Wurf.

 

Multimedialer Erlebnisraum

Es war nicht ganz leicht, am 19. August während der Premiere in die Unterwelt zu gelangen. An der Einfahrt zur Tiefgarage des Deutschen Theaters raunte eine bleiche Gestalt von einem diktatorischen Staat und der geheimen Bruderschaft der Rebellen. Dann musste der Theatergast sich die Augen verbinden und einen Kopfhörer auf die Ohren setzen lassen. Jeweils ein Führer geleitet dann einen ihm zugeteilten Vorstellungsgast in die grausame Welt von „1984“. Hausregisseurin Antje Thoms inszenierte diese außergewöhnliche Produktion. Selten verfügte eine Theaterproduktion über ein derart dominantes Bühnenbild, wie es Florian Barth für „1984“ entworfen hatte. In den kahlen Parkraum hatte er eine Vielzahl von Zimmern gebaut. Einzeln wurden die Besucher in unterschiedlichen Rhythmen herumgeführt. Barth schuf einen multimedialen Erlebnisraum der düsteren Sorte, den jeder einzelne Besucher ganz individuell erlebt, mal voyeuristisch von außen, dann wieder zum Anfassen dicht dran, ganz weit weg über Monitore oder nur akustisch über die Kopfhörer. Bedrohlich, berührend, beängstigend und phänomenal.

Beeindruckend und beklemmend zugleich

Die sonst übliche eine Bühne gibt es bei dem von Antje Thoms in Szene gesetzten Stück ebenso wenig wie den einen Zuschauerraum. Räumliche und mediale Grenzen verschwimmen oder sind ganz aufgehoben. Bühnenbildner Florian Barth hat in der Garage stattdessen einen Verbund von Kammern, Sälen und Verliesen geschaffen, in welche die Besucher nach und nach geschleust werden. Sie erleben das Geschehen mal von außen und mal als Beteiligte, mal über verzerrte Lautsprecher und mal über Kopfhörer. Jeder bekommt, jeder erlebt seine ganz eigene Vorstellung, beeindruckend und beklemmend zugleich.

Mitten in der Welt der Überwachten

Ein Theaterabend, der den Zuschauern seelisch und körperlich an den Kragen geht. Aus der Welt der Computerspiele kommt der Begriff immersiv für das totale Eintauchen in eine virtuelle Realität. Das ist es, was die Besucher in der Regie von Antje Thoms erwartet. Die Premiere am Samstag wurde heftig beklatscht. Florian Barth hat eine beeindruckende Bühneninstallation gebaut, die aus zahlreichen Räumen besteht. Jeder Besucher sitzt anders, sieht etwas anderes. Mitten in der Welt der Überwachten. Darf ich eigentlich meinen Block zücken? Ich bin verblüfft, dass ich zögere, ob es ok ist, mir Notizen zu machen. Oder ob ich die Kopfhörer so platzieren darf, dass ich die Schmerzensschreie einer Folterung nicht so nah im Ohr habe. Mit keinem meiner Sinne kann ich mich dem Theatererlebnis entziehen.

 

Außergewöhnlich und mutig

Oberbürgermeister Köhler nannte als Beispiel für eine außergewöhnliche und mutige Produktion „1984“. Das Orwell-Stück wurde sehr erfolgreich in der Tiefgarage des DT gespielt – noch vor dem eigentlichen Saison-Start.

Was für ein Abend!

In der Tiefgarage erlebt das Publikum die einzelnen Facetten von George Orwells Zukunftsvision hautnah mit. Das Büro eines Parteibonzen, in dem auf Kommando der 2-Minuten-Hass zelebriert wird, die karge Wohnzelle eines alten Mannes, eine freudlose Kantine, in der sich Gäste mit Schilderungen über die ausgeprägte Denunziationsfähigkeit ihrer Kinder die Zeit vertreiben – die Schauplätze dieses Horrortrips sind vielfältig. Selbstbestimmt ist hier unten nichts. Es ist beängstigend und beeindruckend zugleich, wie exakt George Orwell die Zukunft vorausgesehen hat. Zwar sind es heute keine Teleschirme, sondern Mobiltelefone, die jeden einzelnen Schritt überwachen, aber das Ergebnis ist das Gleiche: ein gläserner Mensch, dessen Privatsphäre auf ein Minimum reduziert ist. Mit der Inszenierung ist Antje Thoms und ihrem Team ein ganz großer Wurf gelungen.

Vergängliche Freiheit

Es geht alles ganz schnell: Nachdem der Zuschauer seine Eintrittskarte abgegeben hat, wird er auch schon von seiner Begleitung separiert, mit Funkkopfhörern ausgestattet – und dazu gezwungen, die Augen zu verbinden. So wird er – mit murmelnden Stimmen, immer wiederkehrenden Melodien und der Botschaft „Der große Bruder sieht dich“ im Ohr – an unterschiedliche Führer weitergereicht, die ihn immer tiefer in die düstere und hoffnungslose Welt von George Orwells „1984“ bringen. Dort sitzt er nun; und obwohl er eigentlich weiß, dass er sich in der Tiefgarage des Deutschen Theaters befindet, überkommt ihn ob dieses unerwarteten Eintauchens in die Welt der Dystopie ein sehr beklemmendes Gefühl. Der Zuschauer wird immer wieder gezwungen, seinen Platz zu wechseln, ins Unbekannte zu gehen und sich dort hinzusetzen, wo er vielleicht gar nicht sitzen möchte. Seinen individuellen Bedürfnissen wird nicht stattgegeben – ihm ergeht es wie Winston Smith und der Gesellschaft, in der er lebt. Sie müssen sich dem Willen der Partei und des Großen Bruders beugen, die jede Handlung und jeden Gedanken überwachen, jede Erinnerung an die Vergangenheit auslöschen und Abweichler gefügig machen. Permanent muss der Zuschauer den Kopfhörer aufbehalten, damit er der Handlung komplett folgen kann – denn mal sitzt er im selben Raum wie die Schauspieler und sieht, was passiert, mal kann er ihnen über einen Bildschirm folgen, mal wird er gerade von einem Führer zum nächsten Sitzplatz gebracht. Und so wird ihm das Ausmaß des finsteren Zuhauses von Winston Smith – der Diktatur, ständig von moderner Technik und „Gedankenpolizei“ überwacht – mehr und mehr bewusst. Unbequem ist das Stück unter der Regie von Antje Thoms, ebenso wie der dystopische Roman Orwells, der erschreckende Parallelen ins Hier und Jetzt offenbart (Donald Trump, „Fake News“, Nordkorea) – und gerade das ist es, was es unbedingt sehenswert macht. Denn es verdeutlicht auf ganz eindringliche Weise, wie vergänglich die eigene Freiheit und die eigene Wahrnehmung ist.

Doppelplusgute Premiere von „1984“ in Göttingen

Am Deutschen Theater Göttingen ging es mit der Inszenierung von „1984“ in eine düstere Zukunftsvision. Der Zuschauer wird hier direkt in das Szenario der Totalüberwachung hineingeworfen. Es gibt kein Entkommen und es scheint, man sei selbst ein Teil des Ganzen. Durch einen persönlichen Guide wird das Publikum von Kulisse zu Kulisse geleitet. Nie mit einer Gruppe zusammen, sondern vereinzelt. Das Schwierigste am Stück: Loslassen. Keiner geht mit seinem Partner in diese Vorstellung. Anfangs wird strikt getrennt. Jeder sammelt seine Erfahrungen selbst. Donald Trump wurde zum Präsidenten gewählt. Kurz danach kam Orwells „1984“ wieder in die Beststellerliste. Alternative Fakten und auch Neusprech machen sich wieder breit. Nur wenn die Bevölkerung von ihren Bildschirmen aufschaut, ist es bemerkbar. Durch die Kopfhörer und die Kulisse in einer Tiefgarage wirkt das Setting sehr nah. Als Denkanstoß kann sich der Zuschauer eine einfache Frage stellen: Will ich lieber ein unzufriedener Sokrates oder ein zufriedener Narr sein. Ein unzufriedener Mensch oder ein zufriedenes Schwein? Sie Entscheiden!

Politik des Postfaktischen

Die Kopfhörer aufsetzen, die Augenbinde übers Gesicht ziehen. Und nicht vergessen: „Unwissenheit ist Stärke“. Schon ist man mit Haut und Haar gefangen in einer Theaterinszenierung jenseits des frontalen Blicks auf die Guckkastenbühne. Es soll für die ZuschauerInnen an diesem Abend kein gemeinsames Theatererlebnis geben; es haben nach Ablauf der etwa 75 Minuten noch nicht einmal alle das Gleiche gesehen. Stattdessen durchläuft jeder einzelne eine eigene Aventüre, die sich immer wieder neu erschließt und gleichzeitig Teil einer großen Choreographie ist. Was, wenn eine politische Macht sich entschlösse, die Arbitrarität der Sprache in ihrer Gesamtheit offensichtlich zu machen und für ihre Zwecke zu nutzen – dafür, nicht nur die Sprache, sondern auch die Fakten arbiträr zu machen? Genau dies geschieht in „1984“, und es ist auf erschreckende Weise einfach, die Parallele zu einer gegenwärtigen Politik des Postfaktischen zu ziehen. Am Schluss fällt der Kopfhörer, das Publikum fängt an zu klatschen. Es gilt, eine großartige inszenierungspraktische und schauspielerische Leistung zu würdigen, die es angesichts ihrer brutalen Intensität vermag, kalte Schauer über den Rücken zu jagen. Es dauert eine Weile, bis man nach Verlassen der Tiefgarage wieder vollständig in der Realität angekommen ist, und die Botschaft, die man später wieder in seiner Tasche entdeckt, versetzt einen erneut zurück.

1984! Liegt 33 Jahre zurück? Nein! Es war vorgestern!

Denn Freiheit und Selbstbestimmung sind keineswegs Themen der Vergangenheit, keine statischen Gebilde, die einmal erbaut für immer bestehen bleiben. Die Aufführung findet nicht wie gewohnt auf einer Bühne statt, sondern in der Garage, in der sich an diesem Abend anstelle von Autos der totalitäre Staat Ozeanien befindet. Ozeanien fühlt sich an wie der Verlust von Kontrolle und Orientierung. „Du bist ein Gedankenverbrecher!“, flüstert eine Kinderstimme durch die Kopfhörer, während die blinden Zuschauer von ihren persönlichen Führern in einen der vielen kleinen Räume geführt werden. In jedem dieser Räume erlebt man hautnah eine andere Szene, während der große Bruder jeden einzelnen über den an der Wand hängenden Fernseher überwacht. Durch die Nähe, die die kleinen Räume zwischen Publikum und Schauspielern schaffen, wirkt ihre Darbietung äußerst real.

Parallelwelt

„1984“ ist kein einfaches Theaterstück, es ist das Eintauchen in eine Parallelwelt.

In Berlin erwartet

Eine solche in sich stimmige Aufführung hätte ich in Berlin erwartet und revidiere gerne meinen bisherigen Eindruck vom DT, dass man auch in unserer Provinz ungeahnte Dinge auf die Beine stellen oder auf die Bühne bringen kann. Wenn ich in ein oder zwei Jahren nach Göttingen ziehe, werde ich unbedingt mein altes Theater-Abo wieder aufleben lassen!