„Regisseurin Antje Thoms setzt in ihrer Inszenierung ganz auf die Mittel des Theaters und stellt sie, mehr noch, statt sie zu überspielen, nachgerade lustvoll aus.“

2020, Inszenierung am Staatstheater Darmstadt

Text: John Buchan und Alfred Hitchcock Regie: Antje Thoms Dramaturgie: Karoline Höfer Ausstattung: Gregor Sturm Musik: Jan S. Beyer Fotos: Nils Heck

Mit: Jan S. Beyer, Nicole Kersten, Robert Lang, Stefan Schuster, Bela Milan Uhrlau

„Das ist nicht ihre Geschichte, das ist meine. Und ich entscheide, wie sie zu Ende geht.“

 

Was als ruhiger Theaterbesuch geplant war, endet für Hauptfigur Richard Hannay mit einer Kriminalgeschichte à la „007“: Im Zuschauerraum fallen Schüsse, eine elegante Lady stirbt in seinen Armen, kurz vor ihrem Tod offenbart ihm die schöne Fremde, sie sei Spezial-Agentin im Auftrag der Regierung. Von der Polizei, zwielichtigen Agenten und dem sagenumwobenen Anführer des Spionagerings „Die 39 Stufen“ verfolgt, muss Hannay nun nicht nur sich selbst, sondern auch die Welt retten.

Aus einer melodramatischen Agentenstory mit allem, was das Genre an Charakteren, Konflikten und Atmosphären bietet, wird auf der Bühne ein Zwitter aus Suspense und Komödie, eine Hommage an das Spielen und das Herstellen von Illusionen per se, wenn Schauplätze und Rollen im Minutentakt gewechselt werden.

Was nur Theater kann

Vom schottischen Hochland sind „Die 39 Stufen“ am Staatstheater Darmstadt in die Lüneburger Heide geraten. Und zeigen, was nur Theater kann. Wahrscheinlichkeit“, so hat es Alfred Hitchcock einmal formuliert, „Wahrscheinlichkeit interessiert mich nicht.“ Und in der Tat, wer etwa sein erstes Meisterwerk „Die 39 Stufen“ kennt, der weiß, die Plausibilität bleibt da schon einmal auf der Strecke. Ist doch die Story um den zufällig in einen Spionagethriller gestolperten, von Scotland Yard wegen Mordes und überdies von allerlei Agenten gejagten Richard Hannay schon mal hanebüchen. Was Spannung und Dramatik in Hitchcocks frühem Meisterwerk freilich keinen Abbruch tut. Und dem Theater schon gleich gar nicht schadet. Wobei Barlows entstandene Theaterfassung ohnehin nichts ferner liegt, als mit dem Film in Konkurrenz zu treten. Regisseurin Antje Thoms setzt denn auch in ihrer Inszenierung ganz auf die Mittel des Theaters und stellt sie, mehr noch, statt sie zu überspielen, nachgerade lustvoll aus. Gregor Sturm lässt da für die raschen Schauplatzwechsel auf offener Szene schon mal Kulissen vom Schnürboden herunterschweben. Bei Bedarf sieht man den Techniker auch die Windmaschine auf die Bühne schieben, und Jan-S. Beyer, der hier die musikalischen Akzente setzt, steuert mit allerlei Geräuscheffekten Atmosphäre bei. Vor allem aber sind es die vier Schauspieler, die diese Inszenierung tragen. Und bei aller Lust am Spiel dem Publikum in jeder Szene zu verstehen geben, dass wir hier nun einmal im Theater sind. Und nicht in London oder Schottland, ja nicht einmal in Darmstadt West, wo Hannay eine Wohnung hat. Ob die Flucht aus dem fahrenden Zug durchs schottische Hochland führt oder durch die Lüneburger Heide, spielt für die Geschichte keine Rolle. Und auch für das Temperament der mal fiesen, mal geheimnisvollen und mal schlicht skurrilen Typen, denen der smarte Richard Hannay unterwegs begegnet, macht es keinen großen Unterschied. Denn das ist der eigentliche Clou dieser kriminalistischen Komödie: Dass Béla Milan Uhrlau nicht nur ein formidabler Hannay ist, Nicole Kersten das Mordopfer Annabella Schmidt, eine wortkarge Frouke und die buchstäblich an Richard Hannay gefesselte Pamela zugleich – und dass vor allem Robert Lang und Stefan Schuster alle anderen sind. Und alle heißt hier wirklich: alle. Mister Memory und der Professor, Gangster, Großmutter und Kommissar, Lilly Marleen, ein Obdachloser und ein Bauer, ein Zeitungsjunge und ein falscher Polizist; und wenn es dunkel wird im sumpfigen Gelände überdies noch Landschaft und Kulisse. Lang und Schuster schlüpfen im Verlauf der gut zwei Stunden in 40 oder 50 Rollen. Das ist mal komisch und mal aberwitzig, und spätestens, wenn Uhrlau gegen Ende, bloß, um die Romanze zum finalen Happy End ein wenig abzukürzen, kurzerhand das Drehbuch rezitiert, bleibt von der Illusion des Kinos nicht mehr wirklich viel. Vielmehr führen es „Die 39 Stufen“ nachgerade vor. Der Zauber des Theaters aber bleibt davon gänzlich unberührt.

Lustvolles Spiel mit Illusion und Desillusion

Das funktioniert so gut, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte, und das mit ganz einfachen Mitteln. Das hat Witz und das hat Tempo. Der Thrill tritt hinter der Komödie zurück, dafür ist das Publikum manchmal Teil des Stücks, das vor allem von den Möglichkeiten des Theaters erzählt, vom Spiel mit Illusion und Desillusion, das hier auch wirklich lustvoll offengelegt wird.

Atemlos durch die Nacht

Der Thriller „Die 39 Stufen“ ist im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt ein rasantes Road Movie, das verführerisch schillert und glitzert wie eine bunte Nummern-Revue. Und von der man immer mehr möchte.

Mein Name ist Slapstick-Bond

Wer Theater ausschließlich als Bildungsanstalt oder als Diskursplattform für die Menschheitsprobleme betrachtet, ist in diesem Stück definitiv fehl am Platze. Wer aber den Witz und die schräge Idee liebt, der wird bei der Darmstädter Inszenierung auf seine Kosten kommen. Der Theaterspaß beginnt bereits vor dem Anfang auf selbstreferenzielle Art und Weise, wenn der Hinweis auf das Ausschalten der Smartphones nicht vom Band sondern von einem vermeintlich bierernsten Inspizienten kommt, der vor dem Vorhang beginnt und dann verzweifelt versucht, die Technik zum Heben desselben zu bewegen. Schon hier geht alles schief, und eine Darstellerin muss ihn erbost ermahnen, zum Ende zu kommen. In Wirklichkeit ist Jan-S. Beyer der „Mann am Schlagzeug“, der jedoch das Stück nicht nur mit markigen Paukenschlägen untermalt, sondern auch alle auf der Bühne erforderlichen Geräusche mit einfachsten Mitteln – ganz entgegen den heute technischen Möglichkeiten – selbst erzeugt. Béla Milan Uhrlau flieht als Bond-Imitation Richard Hannay im gepflegten Anzug mit Fliege und blasiertem Gesichtsausdruck von Darmstadt (sic!) in den hohen Norden. Schon hier sieht man die radikale Adaption der Vorlage an heutige und lokale Verhältnisse. Da außer Uhrlau alle anderen Rollen von genau drei Darstellern gespielt werden – Nicole Kersten, Robert Lang und Stefan Schuster -, müssen die ihre Rollen teileweise im Sekundenbereich wechseln und dabei den Unterschied nur durch Kopfbedeckung und Mimik bzw. Gestik markieren. Als schließlich Robert Lang, als Dornbusch verkleidet, Béla Milan Uhrlau auf seiner nächtlichen Flucht durchs Moor zu sehr quält, rastet dieser aus, und die beiden gehen sich gegenseitig fast an die Gurgel. Das ist natürlich alles minutiös geplant, wirkt jedoch wie ein echter Bühnen-Eklat. Grotesk ist auch die Situation, wenn Uhrlau als vorerst beim Bauern untergeschlüpfter Hannay als Hilfskraft einen Klapptisch aufbauen will und das in bester Loriot-Manier zum Desaster ausarten lässt. Eine geradezu surrealistische Linie zieht sich durch die ganze Inszenierung. Die Menschen sind nicht die, für die man sie hält, und Béla Milan Uhrlau stolpert als „Hannay im Glück“ durch alle tödliche Gefahren. Auch das Staatstheater bekommt sein „Fett weg“. Die technischen Pannen häufen sich während der Aufführung, allerdings nicht als Vorwurf an das Haus, sondern allein als selbstreferenzieller Witz über die Pannen im Theater. Den Darstellern bereitet diese Inszenierung offensichtlich viel Spaß, können sie doch – durch Ebenenwechsel – die Grenzen der Fiktion sprengen. Dabei zeigen alle vier hervorragende Leistungen und halten das Tempo und den Witz bis zum letzten Augenblick auf hohem Niveau. Wer sich einen Abend lang gut unterhalten und richtig amüsieren will, sollte sich diese Inszenierung anschauen. Das Premierenpublikum war begeistert und spendete kräftigen Beifall.

Wobei das Manko wohl Methode hat

Die Krimi-Farce „Die 39 Stufen“ ist mit Dutzenden Rollen für vier Schauspieler schon turbulent. Die Regie setzt noch eins drauf. Wo das Stück schon durch die irre Abfolge von Szenen die Farce betont, setzt die Regie noch groteske Akzente. Die Schauspieler werfen sich mit immensem Engagement ins Wechselspiel, immer wieder gelingen schöne Szenen. Nicole Kersten hat ihren prägnantesten Auftritt als Bäuerin mit Stemmeisen und Blaumann neben Stefan Schuster, der seinen Landwirt mit Mistgabel schwäbeln lässt. Wobei das grimmige Gespann ausschaut, als wäre das berühmte Bauernpaar auf Grant Woods Bild „American Gothic“ in einen Italowestern geraten. Robert Lang wiederum stellt nicht nur Conférencier und Polizist, sondern auch Wasserfall, Felsspalte und Dornbusch dar. Da ist das Kindertheater ganz nah und Hitchcock sehr weit weg. Was erst mal kein Schaden sein muss, denn es ist ja immer was los und im Detail auch einiges gelungen. Béla Milan Uhrlau führt erst mit einem Rollo, dann mit einem Klapptisch die Tücke des Objekts vor. Und sowohl in einer Szene im Zugabteil als auch in einem Fiat 500, gelingen meisterliche Miniaturen. Die Kunst dieser Komödie wäre es ja aber, auch den irrwitzigsten Einfall mit technischer Präzision zu setzen. Hier aber hakt’s immer wieder. Wobei das Manko wohl Methode hat. Statt die Mechanik dieser Geschichte mit ihren vielen Scharnierstellen mit gut geölter Klipp-Klapp-Komik am Laufen zu halten, schrillt, schrammt und scheppert es immer wieder. Das ist offensichtlich gewollt.

Die Mechanik des Theaters

Mit vier famosen Darstellern kommt Thoms aus, und zu deren Hampel- und Umzieh-Kunststücken liefert Jan-S. Beyer mal Geräusche, mal Zirkusshow- oder fetzige Action-Musik. Die Bühnentechniker sind gut beschäftigt und man sieht das auch. Die Mechanik des Theaters wird lässig offengelegt. Offen liegen bisweilen auch die Nerven der Akteure. Zum Streik kommt es glücklicherweise nicht. Das wäre dann doch schade.