„Strategisch klug reagiert hier das Theater auf den dramatisch-historischen Moment der Weltkrise, die diesmal (anders als das andere Krisen tun) auch uns in der europäischen Komfort-Zone trifft. Das kleine Haus am Rande der großen, ausgetretenen Theaterpfade hat die Herausforderung angenommen: beispielhaft.“

2020, Drive-Through-Projekt in der Tiefgarage des Deutschen Theater Göttingen

Text, Konzept und Regie: Antje Thoms nach Juli Zeh Dramaturgie: Matthias Heid Ausstattung und Video: Florian Barth Fotos: Thomas M. Jauk / Stage-Picture

Mit: Marius Ahrendt, Gaby Dey, Florian Donath, Bastian Dulisch, Florian Eppinger, Angelika Fornell, Rebecca Klingenberg, Roman Majewski, Marco Matthes, Daniel Mühe, Katharina Müller, Anna Paula Muth, Volker Muthmann, Marina Lara Poltmann, Gregor Schleuning, Marie Seiser, Judith Strößenreuther, Andrea Strube, Ronny Thalmeyer, Christoph Türkay, Gaia Vogel, Gabriel von Berlepsch, Paul Wenning, Gerd Zinck und dem Einlass-Personal des DT Göttingen als Sicherheitswacht

„Was ist, angesichts Ihrer Würde, der Mensch?“

Bundesweit sind die Theater in Folge der Corona-Pandemie geschlossen, Theateraufführungen verlagern sich ausschließlich ins Internet, ohne einen echten Ersatz für die direkte Begegnung anbieten zu können. Das Projekt „Die Methode“ wagt sich aus der Deckung und erschafft in dieser Zeit der Isolation ein Erlebnis, das an einem bestimmten Termin, zu einer bestimmten Uhrzeit real stattfindet und für das man online ein Ticket kaufen kann. Ein Erlebnis, dass nicht virtuell auf einem Bildschirm oder Display stattfindet, wo sich jede und jeder willkürlich ein- und ausklinkt, sondern für das man aus dem Haus geht und sich auf Unbekanntes einlässt.

Mit „Die Methode“ eröffnet das Deutsche Theater Göttingen ein temporäres Drive-Through-Theater. Die Besucher*innen folgen mit ihrem PKW einem Parcours durch die Tiefgarage und halten dabei an vier Schauplätzen. Hier begegnen sie jeweils einer Figur, die ebenso isoliert ist, wie sie selbst, die auf ihrer Weltsicht beharrt und sich mit der Frage auseinandersetzt, wieviel Kontrolle der Staat über das Individuum haben sollte und was wichtiger ist: das Leben oder die Freiheit? Die Besucher*innen folgen dabei nicht nur den unterschiedlichen Argumentationen, sondern werden zu Mitspieler*innen, die aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Frage nach ihrer persönlichen Verantwortung konfrontiert werden.

Wie erlebt man die Isolation? Was geht verloren? Wie groß ist der Verlust an persönlicher Freiheit? Gibt es eine Sehnsucht nach einem anderen Leben? Juli Zehs Text führt zielgenau in jene Kluft, die sich zwischen der Stimme der Vernunft und dem Verlustgefühl auftut, in der sich das Leben in Zeiten von Corona abspielt. Hygienische, private und juristische Fragen vermischen sich, Mund-Nase-Bedeckungen und Schutzhandschuhe sind in dieser Welt längst alltäglich und jede Perspektive – sei sie nun freiheitsliebend oder sicherheitsorientiert – birgt ihre eigene persönliche Wahrheit.

Erste Premiere in der Corona-Zwangspause

Hier, in der Tiefgarage, hat das Deutsche Theater schon die Schreckensphantasien aus George Orwells „1984“ zum Leben erweckt und in einer strukturell ähnlichen Raum-Installation wanderten wir hinter weißen Kaninchen und ähnlichen Traumgestalten aus Lewis Carrolls „Alice“-Romanen her. Immer inszenierte Hausregisseurin Antje Thoms den Parcours, Florian Barth hatte ihn gebaut und ausgestattet – und in einen Abenteuer-Raum wie diesen dürfen, ja müssen wir diesmal das eigene Auto mitnehmen: zur ersten Premiere einer städtischen Bühne nach gut zwei Monaten theaterloser Zeit. Es braucht nicht viel Phantasie, um Juli Zehs Material in Verbindung zu bringen mit dem politischen Streit um die Schutzmaßnahmen in Zeiten der Herrschaft des aktuellen Virus. Und die Autorin, die ja auch studierte Juristin ist und seit einem Jahr Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg, nimmt sehr ernsthaft viele rechtliche Implikationen des fundamentalen Konflikts zwischen persönlicher und kollektiver Verantwortung ins Visier, fächert den gesellschaftlichen Kampf auf zwischen Sicherheit und Freiheit. Gut zehn Jahre nach der Premiere ist „Corpus Delicti“ so etwas wie der Text zur Stunde. Und gerade wer die Demonstrationen dieser Tage als Ausbruch finsterer Verschwörungstheorien empfindet, sollte sich dem Text aussetzen. Strategisch klug reagiert hier das Theater auf den dramatisch-historischen Moment der Weltkrise, die diesmal (anders als das andere Krisen tun) auch uns in der europäischen Komfort-Zone trifft. Das kleine Haus am Rande der großen, ausgetretenen Theaterpfade hat die Herausforderung angenommen: beispielhaft.

Hochachtung vor der künstlerischen Leistung

„Liebes DT, wir vermissen euch“, hat jemand ans Portal des Deutschen Theaters in Göttingen geschrieben. Und wurde erhört. In Zeiten von Social Distancing wollen auch die Bühnenkünstler vor allem wieder unter Menschen, vor Zuschauern spielen. Und die Göttinger zeigen als erstes Theater im Norden, dass derzeit mehr möglich ist, als Social-Media-Formate zu bedienen und Aufführungsmitschnitte zu streamen: eine Premiere mit körperlich live anwesenden Schauspielern und Zuschauern. „Isolationstheater“ nennt Regisseurin Antje Thoms ihr Projekt, was einerseits den aktuellen Abstandsregeln und Reinlichkeitsvorschriften geschuldet, andererseits aber auch das Thema der Stunde ist. Recht frei adaptiert Thoms Juli Zehs gesellschaftsphilosophisches Diskursstück über das fragile Verhältnis von Freiheitsrechten des Individuums und den für das Zusammenleben im Kollektiv notwendigen Einschränkungen. Die fünf Monologe machen die aktuellen Debatten auf, es sind Argumente für besonders harte Schutzmaßnahmen wie für besonders umfangreiche Lockerungen zu hören. Die Regie spart sich in der nach Freiheit dürstenden, Beschränkungen kritisierenden, mit dem Widerstandsvirus infizierenden Inszenierung die explizite Abgrenzung vom verschwörungstheoretischen Geschrei, das derzeit von Reichsbürgern, Rechtspopulisten und ihren Nachplapperern zu hören ist. Aber es sitzen ja mündige Bürger im Auto. Mehr Theater geht bundesweit derzeit wohl nicht. Dass Göttingen das möglich gemacht hat: Respekt. Und Hochachtung vor der künstlerischen Leistung.

Differenzierte Stimme zur Corona-Krise

Man spielt eine Adaption von Juli Zehs „Corpus Delicti“, in dem es um einen totalitären Staat geht, ein naheliegendes Thema derzeit. In Göttingen, wir sprachen vorhin über die Demonstrationen am Wochenende, wird daraus eine Verhandlung über die Güter Freiheit und Leben. Immer wieder hören wir von irgendwoher Sirenen und Hubschrauber, der Gesundheitsstaat auf der Jagd. Wer nicht mitmacht, wird fertiggemacht. Eine perfekt getaktete Choreographie, strukturiert durch das Sounddesign. Zugleich eine bedrückende Erfahrung, eine Stunde lang wird uns direkt ins Gesicht gespielt, man traut sich gar nicht, wegzuschauen, fühlt sich beobachtet und gestresst. Sie können uns sehen, können sie uns auch hören, wenn wir uns etwas zuflüstern? Sollten wir das Auto von innen besser abschließen? Man spürt den Überwachungsstaat. Die Regisseurin Antje Thoms hat Juli Zehs „Corpus Delicti“ ganz neu zusammengesetzt. Probt das Theater hier unten den Aufstand? Das wäre zu einfach. Denn während draußen skurrile Hygienedemos unterwegs sind, gibt „Die Methode“ keine Antworten, aber lässt Fragen entstehen. Wäre die Corona-App ein Schritt in Richtung Gesundheitsdiktatur? Oder: Menschen, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht lieben dürfen, die gibt es in dem dystopischen Stück, aber davon ist unsere Realität ja doch gar nicht so weit entfernt, denn selbst nahe Verwandte durften sich wochenlang nicht besuchen. Wer krank ist, wer Covid hat oder haben könnte, der verliert einen Teil seiner Freiheit. Im Stück erklingt immer wieder ein alter amerikanischer Protestsong: „Which side are you on.“ In einer Diktatur gibt es eben nur zwei Seiten, wer nicht uneingeschränkt dafür ist, wird zum Gegner erklärt. Aber in der pluralistischen Gesellschaft gibt es viele differenzierte Stimmen zur Corona-Krise und das Deutsche Theater Göttingen ist eine dieser Stimmen. Es trifft präzise ins Herz des derzeitigen Konflikts zwischen Gesundheit und Freiheit.

Gelungenes Beispiel für neue Formate

In der Corona-Krise denkt man sich etwas ganz Besonderes aus: Regisseurin Antje Thoms setzt ihr Stück „Die Methode“ mitten hinein in die Tiefgarage unter dem altehrwürdigen Haus an der Leine. Hier wird das finstere Szenario einer totalitären Gesellschaftsdiktatur durchgespielt. Das Auto als Wohnzimmer. Intimität und Nähe sind durch die Windschutzscheibe gewährleistet. Theater ganz nah und live. Dieses Drive-In-Theater ist ein gelungenes Beispiel für neue Formate in Corona-Zeiten. Davon sollte es mehr geben. Theater, so denke ich, wird sich neu erfinden müssen, und das nicht nur im Ein-Personen-Stück-Format. Die Krise gibt den Impuls.

Schärfen der Sinne

Theater: Im besten Fall ist das auch immer ein Schärfen der Sinne für zwischenmenschliche, gesellschaftliche und politische Vorgänge. Das DT zeigt eindrucksvoll, dass selbst so ein unwirtlicher Ort wie die Tiefgarage sich dafür eignet. So nah, so intensiv, so aufwühlend kann nur echtes Theater von Angesicht zu Angesicht sein.

 Social Distancing auf Maximalstufe

Die Methodenmenschen sitzen hinter Glas wie der Besucher hinter dem geschlossenen Autofenster, in einem alten Chrysler, Büro- oder Fitnesscontainer, sogar in einer Seilbahngondel. Eine Soundbox bringt die Worte ins Wageninnere. Das ist Social Distancing auf Maximalstufe und zugleich eine selten unmittelbare Theatererfahrung, gerade wenn man allein im Wagen sitzt, Auge in Auge mit dem schauspielerischen Gegenüber, ganz direkt angesprochen mitunter, das betretene Wegschauen als einziger Ausweg. Thoms zeichnet mit dem aufwendigen Projekt das Bild eines autoritären Überwachungsstaats, der die kollektive Gesundheit mit allen Mitteln durchsetzen will. In dem das Rauchen einer Zigarette ein ähnliches Kapitalverbrechen ist, wie die Liebe zu einem Menschen mit dem falschen Immunstatus. Und in dem das Recht auf Krankheit zur revolutionären Forderung wird. Angesichts der nicht immer hellsichtigen Äußerungen der Autorin und Juristin Juli Zeh zur Coronakrise könnte man vorschnell geneigt sein, in dem Stück eine plumpe Polemik gegen die deutsche Pandemiepolitik zu sehen. Doch „Die Methode“ lehrt all jene, die dieser Tage bereits die Maskenpflicht im Supermarkt für diktatorisch halten, wie eine wahre Gesundheitstyrannei aussähe.

Hochintensive Theatererfahrung

Ausgerechnet das Auslaufmodell PKW macht es möglich, gleichzeitig ganz direkt Kunst zu erleben und doch virologisch geschützt zu bleiben. Eine hochintensive Theatererfahrung, die zum Nachdenken einlädt.

Berührungslos durchs tote Leben

Es geht um Isolation im Zeichen der Seuche. Was geschieht, wenn wir die „soziale Distanzierung“ ins Extrem denken? Das Stück wirft einen unterkühlten Blick auf eine Gesellschaft, in der die Zwangsregeln der „sozialen Distanzierung“ die Menschheit mutieren lassen zu Scheinlebenden. Wie lange kann ein „soziales Wesen“ unter Bedingungen ständiger Distanz überleben? „Das Leben ist ein Angebot, das man auch ablehnen kann.“, ein grausamer Tiefgaragensatz, so schockierend wie der Blick auf die Rasierklinge in der Hand des Selbstmörders. Orwells 1984 lässt grüßen, transponiert in ein bürokratisch aufs Genaueste geregelte Gesundheitsreglementarium, bewaffnet mit Paragraphen, Vorschriften, Sanktionsdrohungen. Ist der Mensch noch ein Mensch – wenn er keinen Menschen mehr hat zum Berühren? Sind menschliches Leben und Lieben noch möglich – ohne menschliche Nähe? „Die Methode“ ist eine tief melancholische Dystopie von der Unmöglichkeit des richtigen Leben im falschen. Die Göttinger Hausregisseurin Antje Thoms hat hier ein Kleinod geschaffen, das – zusammen mit einer Lichtregie im Stile Hoppers – für die wenigen Zuschauer Teil ihres Lebensgepäcks bleiben wird.

Visionär

Es ist eine tolle Erfahrung. Das Stück zur Zeit heißt in Göttingen „Die Methode“ und fußt auf dem weitsichtigen Theaterstück „Corpus Delicti“, in dem der gesellige Mensch ein tödliches Risiko eingeht, wenn er zum Einzelgänger wird. Das ist ein lichtvoller Blick darauf, was man in dem Zustand, in dem wir uns gerade befinden, vernünftigerweise an Texten spielen sollte. Antje Thoms hat den Text parzelliert, sie hat die Positionen innerhalb des Stückes verändert, aber die Materialien alle benutzt und erzählt von der Gefährdung des Menschen, wenn er sich eben nicht an die allgemein gültigen Regeln hält, die die Gesellschaft sich selbst gibt, in der Hoffnung, dass sie auf diese Weise so gesund und so schmerzfrei wie möglich über die Runden kommt. Es sind Texte, die die gedankliche Klaustrophobie verschärfen, die Gedankenwelt, die da ausgebreitet wird und die jede Abweichung tatsächlich sanktioniert ist sehr beunruhigend. Das ist eine wirklich sehr stringent gearbeitete Version eines ziemlich visionären Textes.

Beklemmendes Drive-Through-Theater

Ein Glück für dieses Haus, dass es über eine eigene Tiefgarage verfügt. Hausregisseurin Antje Thoms ließ dort schon mehrfach spielen. Jetzt inszeniert sie „Die Methode“ als beklemmendes Drive-Through-Theater. „Die Methode“ nach dem Stück „Corpus Delicti“ von Juli Zeh ist ein genialer Einfall. Das originelle Event kommt bestens an.

Intensiv, innovativ und garantiert ansteckungssicher

Über vier Stationen, jede exakt 15 Minuten dauernd, erhält der Zuschauer Einblick in ein beängstigendes Zukunftsszenario. Menschenwürde, Individualität und persönliche Freiheit gelten hier nichts, alles ist einem unerbittlichen Diktat einer jegliches Risiko vermeidenden Gesundheitsdoktrin unterworfen. Blutdrucktagebuch, tägliche Urinkontrollen, ja sogar bei der Partnerwahl bleibt nichts dem Zufall unterworfen. Die Krankheit des Einzelnen wird als Krankheit des Volkskörpers angesehen und muss um jeden Preis vermieden werden. Wer sich nicht bedingungslos unterwirft, handelt irrational, gilt als Störfaktor, wird rigoros ausgegrenzt und abgestraft. An den vier Stationen innerhalb der Tiefgarage kommt alternierend das ganze Ensemble zum Einsatz, so dass die verschiedenen Rollen sicherlich immer wieder anders interpretiert und mit Leben gefüllt werden. Und dies ist nur einer von vielen genialen Regieeinfällen, die dieses Theater in der eigentlich theaterfreien Zeit kennzeichnen. Die klaustrophobische Enge der Tiefgarage, die die bedrückende Ausweglosigkeit dieser Zukunftsvision wiederspiegelt und gleichzeitig der hautnahe Kontakt zum einzelnen Schauspieler, der nur durch eine Autoscheibe getrennt direkt auf den Zuschauer einwirkt, garantieren ein Bühnenerlebnis, das unter die (Gänse)Haut geht. Nach der langen Durststrecke, die das Göttinger Publikum ohne einen Besuch am Wall ertragen musste, ist es kein Wunder, dass diese spektakuläre Vorstellung innerhalb kürzester Zeit ausverkauft ist. Allerdings erfährt das Stück auch eine Verlängerung – verpassen sollte man es auf gar keinen Fall.

Kammertheater in der Tiefgarage

Theater in der Corona-Krise: Dieses besondere Erlebnis gelingt dem Deutschen Theater Göttingen – mit einer Anleihe beim Autokino. Bereits bei der Vorpremiere wurde deutlich, dass mit der Auto-Variante das Pandemie-Problem elegant umgangen wird. Die Besucher erleben dadurch Theater im geschützten Raum. Regisseurin Antje Thoms ist mit diesem Stück ein Spagat zwischen Kammertheater, das sich mit der aktuellen Krise auseinandersetzt, und den Corona-Auflagen gelungen. Reizvoll wird das Theatererlebnis besonders dadurch, dass sich Schauspieler und Zuschauer direkt begegnen – nur durch die Autoscheibe getrennt. Ein spannender Abend in ungewöhnlicher Umgebung.

 

Abgeordnete beeindruckt

Von der Kreativität, mit der das Theater die Krise meistert, zeigten sich die beiden Abgeordneten beeindruckt: Das Stück „Die Methode“ wird derzeit nicht im Großen Saal, sondern in der DT-Tiefgarage als Autotheater aufgeführt. „Diese außergewöhnliche Inszenierung hat bundesweit große Beachtung gefunden. Nun muss es eine klare Perspektive geben, wann die Theater in Niedersachsen wieder öffnen dürfen“, so Thomas Oppermann.

Die Grenzen des Theaters gesprengt

Vergesst das Autokino. Kultur findet in der Tiefgarage statt. Mit „Die Methode“ hat das Deutsche Theater Göttingen ein Stück entwickelt, das die passende Antwort auf die Zeit ist. Es findet in der Tiefgarage statt und begeistert mit einem Maximum an Nähe. Das erste Drive-Through-Theater ist mehr als nur eine Überraschung, mehr als ein Experiment und mehr als begeisternd. „Die Methode“ ist eine geballte Ladung an Intimität und eine Stellungnahme zur Öffentlichkeit zugleich. Hinter allem steckt die Sehnsucht nach Liebe als Triebfeder menschlichen Handelns. Ein zutiefst humanistisches Statement in den Zeiten der Apparatschiks. Grundlage ist das Stück „Corpus Delicti“ von Juli Zeh. Dieses wirkt nun wie eine Blaupause für die Corona-Krise. Das Individuum verschwindet im Kollektiv. Oberste Maxime ist die Gesundheit des Kollektivs. Jeder ist zum Sport verpflichtet, jeder muss Berichte zu seiner Ernährung abliefern. Das Leben ist nur in desinfizierten Bereichen erlaubt und alles ist in den 27 Artikeln der Präambel in Stein gemeißelt. Es ist eine Diktatur, die keinen Führer braucht. Es ist weitaus gefährlicher. „Die Methode“ ist ein System der Mitmacher, weil die kleinen Rädchen sich als Teil eines Großen und Ganzen empfinden. Das arbeitet diese Inszenierung wunderbar heraus. Die Inszenierung von Antje Thoms erzählt die fatale Entwicklung in vier Positionen. Dem Ensemble gelingt dabei eine Eindringlichkeit, die angesichts der Umstände überrascht, die aber ohne die besondere Aufführungsform nie möglich gewesen wäre. Darsteller und Publikum treten in eine Eins:Eins-Situation. Der Zuschauer wird zu einem festen Bestandteil der Inszenierung. Damit wird das Spiel auf die persönlichste aller Ebenen getrieben. Der Betrachter wird zum Mitspieler. Kopfschütteln oder nicken, hinschauen oder wegsehen. Die Reaktionen sind zwangsläufig. Man kann sich nicht entziehen. Das Auto mag ein Faradayscher Käfig sein. Aber hier bietet die Hülle aus Stahl und Glas keinen Schutz. Man ist dem Spiel schutzlos ausgeliefert, aus dem Betrachter wird der Beschuldigte. Man schlüpft in die Rolle von Moritz Holl und damit fällt die letzte Schranke. Man fühlt sich ertappt. Dann springt eine weiße Gestalt aus der Dunkelheit und klemmt Papier unter den Scheibenwischer. Aussteigen nicht erlaubt, also wird man warten müssen, bis man aus dieser Geisterbahn heraus ist, um zu erfahren, was dort gedruckt wurde. Zurück geht es zum Kassenhäuschen. Der Besucher stellt eine Gefährdung dar und muss das Gelände sofort verlassen. Das Spielt wirkt so echt, dass sich nun Erleichterung einstellt. Intensive Bilder und die Intimität zwischen Publikum und Darsteller in einer neuen Dimension. „Die Methode“ wäre so im gewohnten Theatermodus gar nicht möglich. Antje Thoms hat mit dieser Inszenierung das Übliche gesprengt. Trotz der Hülle „Auto“ sind die Grenzen zwischen Darsteller und Publikum endgültig aufgehoben. Die Schauspieler wechseln sich regelmäßig ab. Jeder erfährt seine ganz eigene Vorstellung, es gibt keine Wiederholung, nichts wird so sein, wie es eben gerade noch war. Darsteller und Zuschauer kommen sich ungewöhnlich nahe. Damit treibt Thoms die Individualität auf die Spitze in einem Augenblick, in dem das Verhältnis von Öffentlich und Privat gestört ist. Das Theater durchdringt den allerprivatesten Raum des Autos. Damit hat sie eine neue Form der Darstellung zur rechten Zeit gefunden. “Corpus Delicti” von Juli Zeh taugt nur bedingt als Blaupause, denn es geht darum, wie das Individuum vom Kollektiv auf alle Zeiten geschluckt wird. Corona aber ist eine konkrete und singuläre Bedrohung und kein Dauerzustand. Doch dem Deutschen Theater gelingt es, zu zeigen was danach kommen kann, was blüht, wenn aus einem Einzelfall eine permanente Bedrohung konstruiert wird.

Which side are you on?

Hier diktiert „Die Methode“ die Verhältnisse und das Verhalten in den Szenen über eine Gesundheitsdiktatur, die sich in der Inszenierung von Antje Thoms zu einem dramatischen Parcours zuspitzen. Befragt werden Positionen und Parteilichkeiten, wie sie auch akut grassieren und das gesellschaftliche Klima unter Corona-Bedingungen infizieren. Das Theater sucht immer die Nähe, die Berührbarkeit und die Verständigung, die in viralen Zeiten von Schutzzonen und Entfernungsschranken diktiert wird. Und dennoch kommt es an diesem Theaterabend zu unmittelbaren Begegnungen, weil Bühnenbildner Florian Barth sich hier im Bündnis mit Antje Thoms als Brückenbauer versteht. Eine Chrysler Limousine wird zur geschützten Bühnenenklave für den Rebellen Moritz, die scheinbar fürsorgliche Beamtin argumentiert in einer kleinen Seilbahn-Gondel und die Verteidigung in einer Büroenklave mit alten Möbeln. Auch durch die gläserne Fassade eines leeren Raumes, der jetzt von einem Hometrainer dominiert wird, dringt nicht nur die Stimme von Mia, wenn die Schwester von Moritz mit einem mörderischen System abrechnet und dem Schmerz über den Tod ihres Bruders. Es ist dieser unmittelbare, intime Dialog, in den die Schauspieler jeden PKW-Insassen verwickeln, als ob nur er gemeint ist für das, was es zu fragen, zu reflektieren und nachzuempfinden gilt. Immer wieder entziehen sich die Figuren einer eindeutigen Zuschreibung. Und da alle Rollen mehrfach besetzt sind und das gesamte Ensemble Stellung zu den Positionen und Parteilichkeiten nimmt, erfahren die Figuren immer wieder andere gedankliche und emotionale Farben. Auch mit dem Song „Which Side Are You On“ unterwandert die Inszenierung von Antje Thoms jede Station auf diesem Parcours. „Auf welcher Seite bist Du?“, heißt eben auch, auf welcher Seite bist Du jetzt, haben die Stimmen und ihre Argumente Deine Perspektive verändert und muss diese Frage ständig neu gestellt werden, wenn es um individuelle Freiräume und das fürsorgliche Miteinander in einer Gesellschaft geht, die nicht nur viral extrem verletzlich ist. Antje Thoms insistiert bis zum Schluss mit der Frage, wenn es um Positionen und Parteilichkeiten geht und wie sehr sie auch von individuellen Einsichten, Erfahrungen und Ansprüchen geprägt sind, die in einem einvernehmlichen gesellschaftlichen Diskurs keine Ruhe geben wollen und dürfen.

Theater in seiner systemrelevantesten Form

Die Liebe in Zeiten der Corona. Das Deutsche Theater in Göttingen zeigt, wie ein Theater in der Krise die Freiheit zurückerobert und wählt mit Zehs „Corpus Delicti“ ein Szenario, das uns in der Corona-Pandemie etwas weniger absurd zu sein scheint als noch 2007. Regisseurin Antje Thoms modifiziert diesen Stoff – entsprechend den Auflagen durch die Pandemie. Denn diese Auflagen stellen zunächst einmal ganz konkrete Forderungen an den Spielbetrieb: kein Kontakt von Personen, die nicht im selben Haushalt leben, Abstand halten, Hygienevorkehrungen. Wie das zusammengeht mit den theatralen Mitteln von Nähe, Unmittelbarkeit, Körperlichkeit, das zeigt die Inszenierung auf eindrucksvolle und beklemmende Weise. Thoms verlagert den Fokus der Inszenierung vom Delikt auf das System und damit auf die Menschen und Positionen innerhalb dieses Systems. Das Staatssystem der Methode hat die Zwischenräume nivelliert: Wer sich nicht konform verhält, das heißt körperliche Gesundheit nicht zum höchsten Ziel der menschlichen Handlung macht, wird befragt, verurteilt, ausgestoßen. Blaulicht kündigt die Szenenwechsel an und steigert den Konflikt um das sich widersetzende Subjekt. Das Gefühl der Hilflosigkeit steigert sich. Wie auch beim Protagonisten in Zehs Vorlage wird unsere Stimme nicht gehört – und darin liegt der eigentliche Konflikt des Stücks. Das Unbehagen angesichts der Überwachung und Anschuldigungen wächst. Das Spiel von Angesicht zu Angesicht, die einnehmenden Stimmen im Fahrzeug, die detailreichen Kulissen steigern die Intensität. Jedes Abwenden wird unmöglich, wenn Anklageschriften hinter den Scheibenwischer geklemmt und Blut an die Windschutzscheibe geschmiert werden. Längst ist das Auto kein sicherer Raum mehr. „Die Methode“ ringt uns aristotelische Einfühlung ab und bringt uns damit an den Rand der Erschöpfung. Dieser Stress nach Wochen der sozialen Distanz und eines nicht absehbaren Endes von Einschränkungen im sozialen Miteinander ist schwer zu ertragen. Wenn dieser Tage von Lockerungen die Rede ist, so stellt der Theaterbesuch zur Debatte, inwiefern sich Freiheit nun tatsächlich nach der Größe von Ladenflächen bemessen lässt. Drastisch hat sich in diesem Frühjahr gezeigt, wie (auch) die Kunst in den Lockdown gezwungen, wie sie damit buchstäblich in ihrer Freiheit beschnitten und ins Digitale verwiesen wurde. Theater, Konzertsäle und Museen wurden geschlossen, Kultur sei zwar ein „geistiges Lebensmittel“, aber sie ist eben nicht „systemrelevant“. Das DT trotzt den Maßnahmen, den Auflagen und der sozialen Distanz, ohne sie zu verletzen, ohne zu polarisieren, ohne anzuklagen. Damit zeigt sich das Theater in seiner systemrelevantesten Form als ein Ort der Debatte – einer Debatte, die wir gerade in Zeiten von Corona brauchen, um uns immer wieder daran zu erinnern, die Demokratie lebendig zu halten.

Sometimes, something good comes from a dark place

Mit der Zukunftsdystopie über einen vom Überwachungsstaat exerzierten Hygienewahn bietet uns das Deutsche Theater ein Stück über die Absenz von Krankheit in einer Zeit, in der das Thema allgegenwärtig ist. Darüber hinaus werden erschwerte Aufführungsbedingungen von der Not zur Tugend. Die pandemiebedingte Isolation ist keine reine Pflichtübung, sondern transportiert das, wovon „Die Methode“ erzählt: Abgrenzung, fehlender persönlicher Raum und das Alleinsein in Gesellschaft. Wir haben das Drive-Through-Theater durchfahren und gesehen, was Kunst in Zeiten der Krise braucht: Kreativität. Wir fühlen uns als hätten wir ungewollt eine Grenze der Intimität überschritten. Wir Erfahren das Dilemma zwischen der Entscheidung für das eigene Wohl und dem der Gesellschaft, das Hin- und Hergerissensein zwischen persönlicher Freiheit und Anpassung an die Forderungen der Umwelt. Wir fühlen uns exponiert, gefordert, irgendwie ausgeliefert, die Autoscheibe wurde zum Brennglas, das zuweilen in beide Richtungen funktionierte. Die räumliche Trennung von Darsteller*innen und Publikum führt in diesem Fall zu mehr Nähe und unmittelbarerem Erleben, dass es ohne die Corona-Maßnahmen wohl so nicht gegeben hätte. Ein schöner Kniff: wir haben uns ohne unser Zutun falsch verhalten, als gäbe es (Hallo, Adorno!) kein Richtig im Rahmen der Methode, deren Ansprüche so unumgänglich wie unzumutbar sind.

„Mit Abstand“ das intensivste Theater-Erlebnis, das ich bisher hatte. Wir waren beide zutiefst beeindruckt, irritiert und angesichts des beim Filzen des Autos real entdeckten Alkohols voller Schuldgefühle ob unseres leichtsinnigen Fehlverhaltens… Großartig gespielt und inszeniert – Chapeau!

 

Ein beklemmend-authentisches Stück, packend, großartig gespielt, der „Nicht-Applaus“ tut fast weh und soll hier „virtuell-laut und schallend“ für alle Mitspielenden nachgeholt werden!

 

Ich möchte mich auf diesem Wege bei Ihrem ganzen Ensemble für einen der aufregendsten Theaterabende der letzten Jahre bedanken. Leider konnten wir ja nicht persönlich die verdiente Standing Ovation geben. Wir sind extra für diese Aufführung von Berlin nach Göttingen gefahren und meine drei „Kinder“ (15,16, 22) haben mich auf dem Weg nach dorthin schon ganz schön angezählt, für den Fall, dass es die lange Reise nicht wert war. Aber es kam anders: Als die Schranke schließlich fiel, waren ausnahmslos alle begeistert (was in Anbetracht der derzeitigen Fundamentalkritik meiner beiden Jüngsten aneinander einem kleinen Wunder gleichkommt.) So hat Ihr Theater für uns gleich zwei außergewöhnliche Dinge geschafft: Das vielleicht einzige wirklich bemerkenswerte Kulturevent der Corona-Zeit zu erschaffen, dass nicht nur trotz, sondern auch wegen der großen Probleme so entstanden ist. Eine der wenigen wirklich guten Erinnerungen an diese Zeit! Und es war ein Geschenk an meine Familie, die sich typischerweise in dieser Altersphase gar nicht mehr so häufig über etwas gemeinsam Erlebtes so lebendig austauscht.

 

Wir waren gestern als Familie in dem aktuellen Stück „Die Methode“ und alle vier (zwei Erwachsene und zwei Jugendliche) sehr begeistert. Wir konnten ja leider nicht applaudieren, so dass ich Sie bitte, unsere Dankbarkeit und Begeisterung ans Team weiterzugeben. Tief beeindruckt, nachdenklich und etwas wirr im Kopf fuhren wir nach Hause und haben noch ziemlich intensiv miteinander diskutiert.

Gespräch mit Deutschlandradio

TV-Bericht auf Arte