„Wer sich einlässt auf ein außergewöhnliches Theatererlebnis, bei dem er selbst fühlt, was Alice gefühlt haben mag, der wird in der Tiefgarage des Deutschen Theaters sehr ungewöhnliche Dinge erleben.“

2018, Uraufführung am Deutschen Theater Göttingen

Text, Konzept und Regie: Antje Thoms nach den Romanen von Lewis Carroll Dramaturgie: Matthias Heid Ausstattung und Video: Florian Barth Musik: Stefan Paul Goetsch (Hainbach) Fotos: Thomas M. Jauk / Stage-Picture

Mit: Marius Ahrendt, Angelika Fornell, Lutz Gebhardt, Nikolaus Kühn, Marco Matthes, Daniel Mühe, Gitte Reppin, Ronny Thalmeyer, Christoph Türkay, Paul Wenning, Gerd Zinck und Uwe Beyer, Mattis Bohne, Michael Bokemeyer, Eva Katharina Boser, Carina Bruchmann, Jessica Bruchmann, Kai Burghardt, Thaddäus Eilers, Yanthe Glienke, Fabian Hartje, Lillian Jöster, Moritz Kahl, Mia Kaufhold, Inge Koch, Phoebe Krist, Viktoria Labitzke, Alma Nossek, Ida Nossek, Katharina Nossek, Kira Senff, Nele Sennekamp, Sebastian Schlung, Michael Thomas, Felix von Nostitz-Wallwitz, Dennis Wigmann

„If I had a world of my own, everything would be nonsense. Nothing would be what it is, because everything would be what it isn’t. And contrary wise, what is, it wouldn’t be. And what it wouldn’t be, it would. You see?“
 

In seinen Romanen „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ entführt Lewis Carroll in eine fantastische Welt, in der die Gesetze der Realität aufgehoben scheinen. Diese Welt erschafft jedoch keine Gegenwelt, sondern eine andere, die aus den Teilen der Realität wie aus ihren Trümmern zusammengesetzt ist. Gestörte Erwartungen, die Konfrontation von nicht Zusammengehörigem, der Widerspruch zwischen Gesagtem und Gemeintem werden zu Spielprinzipien in der immersiven Installation IN ALICE WELT.

Wer am Einlass seine Identität abgibt und dem weißen Kaninchen in die Tiefgarage folgt, tritt ein ins Reich einer Logik, in der das Paradoxon seine subversive Macht entfaltet.

Jedes Ding, jedes Wort, jeder Ton, jeder Mensch ist hier gleich wichtig – oder gleich unwichtig. Es gibt keine Hierarchie. Das Einzelne hat Priorität vor dem Ganzen. Alles liegt nebeneinander, in einer Ebene. Ding- und Wortzusammenhänge sind aufgelöst. Menschliche Ordnungskategorien und Denkgewohnheiten verlieren ebenso an Bedeutung wie Raum und Zeit, wie Vernunft und Moral. Die Gesetze der Kommunikation unterliegen ihren eigenen Gesetzen und auch das letzte Ordnungssystem, die Sprache, wird „unzuverlässig“. Räume und Realitäten, Darsteller und Zuschauer, Musik und Sprache verschwimmen, die Dinge sind ver-rückt und die Bedeutungen gleiten, wie im Traum.

Wer ist wer, wer ist was, wer ist mit wem warum?

Während man gemeinsam auf der Stelle rennt, steht die Zeit still. Und die Wahrnehmung der Welt setzt sich permanent neu zusammen, weil alle Teile prinzipiell vertauschbar sind und anders zu einander stehen könnten.

Die Welt, frisch aufgeknackt

Antje Thoms betreibt mit Lewis Caroll Unsinnsforschung, ein Spaß mit subversivem Potential: Die arme Alice musste in der Vergangenheit für vieles herhalten: für einen Disney-Film, als Name für eine spezifische Ansammlung von Wahrnehmungsstörungen, als Geschichte eines Mädchens, das sich gegen gesellschaftliche Konventionen auflehnt, als Geschichte einer Flucht in Drogen- und Traumwelten. Gerade „Alice hinter den Spiegeln“ hat auch einiges an politischen Interpretationsversuchen über sich ergehen lassen müssen. Antje Thoms‘ Inszenierung in Göttingen wischt vieles davon einfach vom Tisch. In der geführten Audioinstallation geht es um Carolls Spiel mit verdrehter Logik und Worten: darum, dass, wenn man einmal den Kaninchenbau betreten hat, das Wissen von außerhalb des Kaninchenbaus nicht viel weiterhilft. Genau wie Alice müssen die Zuschauer sich auf diese Welt einlassen, Spaß an der verqueren Logik und den sprachlichen Verdrehungen entwickeln. Selbst Spielkinder sein, die den Kaninchenbau als Unsinnsforscher erkunden.

Letztendlich geht es, wie in den Büchern, darum, eine allzu festgefahrene Weltsicht ein wenig aufzuknacken, eine Welt durch eine andere zu ersetzen, oder wenigstens die Sichtweise auf die Welt um eine tiefere Unsinnsebene zu erweitern. Das mag – wie André Breton oder Max Ernst es bei Caroll fanden – durchaus etwas Subversives haben. Das mag einfach nur Spaß machen. Oder beides. In der wirren Welt der Alice ist nichts auszuschließen. Der Kaninchenbau ist bodenlos, und jeder einzelne von Thoms‘ Hutmachern hat ein Wörtchen mitzureden, meist gleichzeitig.

Eine riesige Wundertüte

Alice Welt ist ein Traum – ob Albtraum oder schöner Traum kann sich jeder Theaterbesucher nur selbst beantworten. Auf jeden Fall: ein Traum. Der Theaterbesucher steht am Eingang zur Tiefgarage. Dort nimmt ihn ein weißes Kaninchen in seine Obhut. Zuvor hat er einen Aufkleber mit Botschaften erhalten: „Ich bin Alice.“ Und einen Zettel mit Verhaltensregeln: „Folge dem weißen Kaninchen. Sprich nur, wenn du angesprochen wirst. Stelle keine dummen Fragen.“ Das weiße Kaninchen führt durch die schwach beleuchteten Gänge. Es weist den Besucher an, auf einem Stuhl gegenüber des Hutmachers Platz zu nehmen. Drei weitere Gäste sitzen dort bereits, man lächelt sich höflich an. Der Hutmacher hat wächserne Haut, strähniges Haar. Er wirkt nicht unfreundlich, aber seltsam.

Jeder erlebt etwas anderes „In Alice Welt“. In eine eigene Welt tauchen auch die Zuschauer ab. In 70 Minuten Spielzeit macht jeder Besucher eigene Erfahrungen. Ein Besucher berichtet wie er in einen altmodischen Sessel gesetzt wurde: „Ich guckte in einen Spiegel. Aber ich war gar nicht drin! Es war ein junger Mann, 12 Jahre alt, der meine Bewegungen mitmachte.“ Ein anderer: „Ich wurde zum Kampf aufgefordert, ich sollte mich beeilen, ich sollte still sein, immer wenn ich was gesagt habe, war es falsch.“ Alice im Wunderland, das war schon 1865 eine Welt voller Absurditäten, Chaos und Paradoxa. Und genau das ist auch die Welt der Alice in Göttingen. Das Gehen durch die Gänge, das Angesprochenwerden von den Schauspielern, das ist interaktives Theater in seiner Reinkultur. Erfahrungen, die weit über rein optische und auditive Erlebnisse hinausgehen. „Es war ein Wahnsinn an Eindrücken!“ „Abgedreht, verwirrend, beeindruckend, surreal, gut!“

Wer sich Alice Welt bunt vorgestellt hat, mit rosa Flamingos, die als Krocketschläger benutzt werden, mit einer gelb-schwarzen Grinsekatze, der könnte eventuell enttäuscht werden. Wer sich aber einlässt auf ein außergewöhnliches Theatererlebnis, bei dem er selbst fühlt, was Alice gefühlt haben mag, der wird in der Tiefgarage des Deutschen Theaters sehr ungewöhnliche Dinge erleben.

Im Untergrund mit der Grinsekatze

Reise durch die Tiefen des Bewusstseins: Das Deutsche Theater in Göttingen lädt zum verwirrenden Theater-Rundgang durch Alices Wunderland in die Tiefgarage, das ist beunruhigend, beängstigend – und befreiend.

„In Alice Welt“ tun sich an jeder Station Abgründe auf. Damit trotzdem niemand hilflos herumtaumelt, werden „acht bis neun Verhaltensregeln“ verkündet wie: „Sprich artig und hör auf, an deinen Kleidern herumzufingern“. Beim Nachzählen ergibt sich: Nicht acht, nicht neun, zwölf solcher Gebote haben die Kaninchen verteilt. Sicher scheint hier also nichts, relativ alles. Der Verwirrungstaktik erster Streich. Der zweite folgt sogleich. „Du bist Alice, da bin ich mir 100-prozentig sicher, nein, du könntest es sein, bist es bestimmt nicht“ – wird jedem der maximal 80 Besucher verdeutlicht: Sie sollen mit ihrem Namen auch probehalber mal ihre Identität wechseln. Ganz im Sinne der Erosion eines kohärenten Selbst, die Carroll in seinen „Alice“-Büchern ja beschreibt. So bekommt jeder Besucher den Aufkleber „Ich bin Alice“ auf die Brust geklebt. Eine Herausforderung als Verwirrungskniff Nummer drei. Denn jede Besucher-Alice muss mit sich selbst abmachen, ob sie passive und/oder teilnehmende Beobachterin sein will. Denn alles, was geschieht oder nicht geschieht, dient dem Zweck, herkömmliche Kategorien mit surrealem Witz ad absurdum zu führen – und somit hinterfragbar zu machen.

Kausalität, Kontinuität und Konstanz sind schon mal aufgegeben, da die Inszenierung keine Handlung entwickelt und das kompositorische Kriterium von Spannung–Entspannung verweigert, stattdessen als Abfolge gleichberechtigter Ereignisse angelegt ist. Zeit verliert an Bedeutung. Und Sprache wird durch Carrolls Jonglage mit Silben, Buchstaben, Worten als System der Kommunikation außer Kraft gesetzt. Immer schneller – keine Zeit, keine Zeit – müssen die Besucher die Spielorte wechseln. Die Mini-Performances funktionieren als Einübung, sich der Traumlogik hinzugeben. Wie Alice hinter den Spiegeln. Final werden alle Besucher in einen Saal voller Feldbetten geführt. „Schlaf ein oder wach auf“, singt das 24-köpfige Ensemble. Da Carrolls Alice „die Normalität fade und dumm“ erscheint angesichts der außergewöhnlichen Parallelwelt, soll sich jetzt auch jeder Besucher zu dieser oder jener Realität bekennen. Als Entscheidungshilfe liegt ein aus Dealerkreisen bekanntes Plastiktütchen auf dem Feldbett, darin ein süßes Argument für Carrolls Trip: ein weißes Marshmallow-Kaninchen. Das zergeht auf der Zunge wie dieser Abend im Geiste: ein prima Lustmacher auf die neue Theaterspielzeit.

Theater-Wunderland das nachhaltig verzaubert

Theater: Das ist doch eine Bühne und davor der Zuschauerraum. Nein, in der Welt von Alice ist alles anders. „Alice Welt“ ist verwirrend, die Gesetze der Logik, der Wahrnehmung, des gesunden Menschenverstandes sind außer Kraft gesetzt: genau wie in den Romanen, die beileibe keine klassischen Kinderbücher sind. Die weiß gekleideten Helfer sind die weißen Kaninchen, in den Kabinetten sitzen die Hutmacher. Und jeder Besucher ist Alice, wie der am Einlass vergebene runde Aufkleber ausweist. Oder nicht? „Du bist Alice?“, fragt das Kaninchen – um gleich fortzufahren: „Du bist nicht Alice.“

Der Besucher ist in einer komplizierten Situation: Ist er Zuschauer – oder ist er Teil der Inszenierung? Soll er auf Fragen antworten? Sind das persönlich gemeinte Fragen oder bloß der Stücktext? Soll er zuhören oder sich lieber auf einen Dialog mit dem Schauspieler einlassen? Das bleibt in der Schwebe.

Aber um solche Entscheidungen geht es sowieso nicht, denn in den Kabinetten gibt es nicht nur die im Umgang mit den Zuschauern manchmal etwas skurril-ruppigen, manchmal ausgesprochen liebenswürdigen Hutmacher zu bestaunen, sondern auch lauter kleine Wunderdinge: Spieluhren und andere nicht alltägliche Musikinstrumente, alte Uhren, Töpfe, Kunstblumen, Whiskyflaschen, die angeblich Tee enthalten, überdimensionierte Stühle, auf denen man sich geschrumpft fühlt, Stofftiere, Kaninchenbilder an der Wand, Schachspiele, ein Fläschchen mit der Aufschrift „Tränen 2018“ und vieles mehr. In diesem Umfeld entfalten sich Carrolls fundamentale Sätze wie wundersame Blumen: „Wer bin ich? Wer in aller Welt bin ich denn?“ Wenn am Ende alle Mitwirkenden im Chor die Besucher hypnotisierend auffordern „Schlaf ein – oder wach auf!“ und sie dann auf Feldbetten legen, kommt eine leise Enttäuschung auf, diese fantastische Welt schon verlassen zu müssen. Das Ensemble hat sein Publikum nachhaltig verzaubert. Der Beifall für das mit seiner Fantasie schier überbordende Produktionsteam wollte kaum enden.

 

Spektakulär

Das Deutsche Theater startet schon vorab in den Sommerferien. Antje Thoms inszeniert spektakulär „In Alice Welt“ in der Tiefgarage des Hauses am Wall.

Zauberhaftes Paralleluniversum

Antje Thoms entführt das Publikum in ein zauberhaftes Paralleluniversum, in dem Realität und Phantasie zu einem bunten Kaleidoskop von Eindrücken und Stimmungen verschwimmen. Die Kaninchen am Eingang der Katakombe sind ausgesprochen freundlich; auf der anderen Seite machen sie, bei den vielen Fragen, die sie teilweise gleich selbst – widersprüchlich – beantworten, auch einen etwas verwirrten Eindruck. Nicht gerade vertrauenerweckend, sollen es doch diese albinoweißen Nagetiere mit ihren tiefroten Augen sein, denen der Zuschauer an diesem Abend bedingungslos folgen muss. Dies ist zumindest eine der 8-9 (eigentlich 12) Verhaltensregeln. Doch der Schein trügt. Mit traumwandlerischer Sicherheit führen die Kaninchen die Menschen in ihrer Obhut durch den Irrgarten und all das nach einem kompliziert ausgeklügelten System, das nur ein Kaninchen verstehen kann. In Alice Welt ist eben nichts so, wie es vordergründig daherkommt, oder es ist eben gerade doch so, obwohl man es anders vermuten kann. Wer ist verrückt, und wer ist klar, wer träumt, und wer ist wach? All dies bleibt ungeklärt und bedarf auch keiner Klärung. Dabei bekommt nicht jeder alles zu sehen, und auch die Reihenfolge und die Perspektive, aus der man das Geschehen in den kleinen unterirdischen Kammern wahrnimmt, ist höchst individuell; gleichbleibend ist nur die Person des Hutmachers, der an jeder der Traumstätten zur Teestunde bittet. Mit blassem Teint, tiefen Augenringen und strähnigen Haaren empfangen diese Hutmacher ihre Besucher oder empfangen sie nicht, denn überwiegend ignorieren sie die Ankömmlinge und gehen unbeirrt mit fast autistischem Eifer ihren rätselhaften Tätigkeiten nach. Thoms Inszenierung ermöglicht denen, die sich auf sie einlassen, ein grandioses Theatererlebnis, mit hautnahem Kontakt zu den Darstellern. Es ist eine wunderbare Saisoneröffnung, die auf mehr hoffen lässt!

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, weg damit!

Vielleicht täuscht ja der rote Sticker mit dem Namen Alice, den jeder Zuschauer am Eingang zur DT-Tiefgarage bekommt. Das weiße Kaninchen ist nicht nur ein bisschen skeptisch, sondern auch ziemlich verwirrt und fragt nach. „Bist du wirklich Alice?“ Aus den roten Albino Augen blitzt es erneut auf. „Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, weg damit!“ murmelt die Stimme zum Aufbruch in das Gedanken- und Wahrnehmungslabyrinth in der DT-Tiefgarage. Das nächste weiße Kaninchen ist bereits zur Stelle und eilt voraus in „Alices Welt“ mit den vielen seltsamen Hutmachern, die dort ihre rätselhaft verwirrenden Teestunden zelebrieren. 26 Stationen hat Bühnenbildner Florian Barth für diese Odyssee entworfen und mit einer Fülle von Requisiten und optischen Details ausgeschmückt. Auch über deren Bedeutung lässt sich wunderbar rätseln.

Es geht wahrlich verrückt zu „In Alice Welt“, wo sich nichts nach den Regeln der Vernunft oder der Logik abspielt, sondern wenn überhaupt auf dem Feld der Fantasie und der Imagination, wo die Sprache keinen Halt geben mag und die Wahrnehmung aufgefordert ist, sich in diese Hutmacherwelt hinein zu fragen und zu träumen, die so schön bizzar verrätselt ist und damit umso mehr zum Staunen verführt.

Die Zuschauer erleben hier eine Bühnensituation, in der sie nicht nur anteilnehmende Beobachter sind. Spätestens wenn sie Alices Platz nach dem Sturz in das Kaninchenloch einnehmen, werden sie vom Hutmacher auf die Probe gestellt, ob sie sich außerhalb der vermeintlichen Realität überhaupt noch zurechtfinden. Wie das ist, wenn nichts mehr mit rechten Dingen zugeht und dann vielleicht sogar das Unterbewusstsein dazwischenfunkt, das sich hier den widersprüchlichsten Sinneseindrücken anvertraut. Dazu gehört an diesem Abend die Bereitschaft loszulassen um vielleicht sogar eines dieser verrückten Wortspiele für sich weiter zu spielen und neue zu erfinden oder für den Moment einfach mal bei den abenteuerlichen Requisiten zu verweilen, mit denen sich die Hutmacher umgeben. Auch die müssen ja zum Glück nicht manierlich funktionieren, genauso wenig wie die Wecker, die in jedem Raum auf 5 Uhr stehen geblieben sind. Und wer sich in dem Raum mit dem Fernsehbildschirm gespiegelt erlebt und einfach mal eine Grimasse riskiert, kann vielleicht doch einen der Hutmacher überzeugen, er sei jetzt Alice.

Ein bisschen Zeit zum Träumen bleibt noch, nachdem die weißen Kaninchen erneut ausgeschwärmt sind und die Zuschauer nun zu den Feldbetten geleiten. „Schlaf ein, höre auf“ flüstern, raunen und tönen sie im gemeinsamen Schlusschor aber zum Glück hört die Geschichte ja nicht auf. Die Bilder, die Wortspiele und all die verrückten Begegnungen, die „In Alice Welt“ umtriebig sind, wollen noch lange nicht stillhalten.

Jeder Besucher erlebt sein eigenes Stück

Wie in der vergangenen Spielzeit beginnt das Ensemble die Spielzeit am außergewöhnlichen Spielort, wie im Vorjahr hat Regisseurin Antje Thoms die Inszenierung übernommen. Mit Bühnen- und Kostümbildner Florian Barth und Stefan Paul Goetsch (Musik) erntete sie bei der Premiere Bravorufe. Nach den Kinderbüchern „Alice im Wunderland“ mit der Fortsetzung „Alice hinter den Spiegeln“ von Lewis Carroll ist der Theaterabend konzipiert. Durch das Labyrinth finden 80 Zuschauer mit Hilfe vieler weißer Kaninchen. Immer wieder stellt sich die Frage: Bist du es wirklich? Bist du Alice? Spannend außerdem: in jeder der Kammern erlebt jeder das Schauspiel anders. In einer Kammer mit Hochbetten fühlst du dich wie in einer Jugendherberge. Eine andere ist gerahmt von Blumen, in einer dritten – vielleicht gerade mit Spiegeln – bist du ganz auf dich selbst zurückgeworfen. Mit mal winzigem, mal übergroßem Teegeschirr kannst du wie Alice wachsen und schrumpfen. „Schlaf ein oder wach auf“ – so werden die Zuschauer zum Ende ihrer Reise zur Bettstatt geleitet – ein Meer von Feldbetten in der Garage. Wie schon bei „1984“ im vergangenen Jahr ist das eine wichtige Facette des Spektakels: Jeder der 80 Zuschauer erlebt seinen ganz eigenen Theaterabend.

Ein ungewohntes Wunderland

Regie und Dramaturgie haben zwei ebenso mutige wie lobenswerte Entscheidungen getroffen: „In Alice Welt“ ist keine Inszenierung von Carrolls Romanen, jedenfalls nicht im eigentlichen Sinne – die ZuschauerInnen werden vielmehr in die Welt der Romane versetzt. Und das geschieht, indem jedeR die Hauptfigur im ganz eigenen Stück wird. Eine Bühne im klassischen Sinne gibt es nicht – vielmehr ist die gesamte Tiefgarage zur Bühne geworden, mit diversen, voneinander abgetrennten Räumen, in die immer nur wenige ZuschauerInnen geführt werden. Dabei erleben wir eine weitere Besonderheit der Inszenierung: Auf den Kopfhörern läuft ein aus englischen und deutschen Auszügen von Carrolls Romanen montierter Text, der zuweilen in einem Stimmencrescendo donnert wie einige Current 93-Songs. Alice Welt, wie sie im Deutschen Theater Göttingen gezeigt wird, hat nichts von dem Hochglanz der Alice-Verfilmungen Tim Burtons, nichts von der Vertrautheit des schon geradezu klassischen Disney-Films. Viel eher lassen die wie aus aller Zeit gefallenen Kostüme, die gräulich-weiß geschminkten DarstellerInnen und das Sammelsurium der Requisite an Jan Švankmajers Alice-Interpretation denken. Das Wunderland ist kein zwangsläufig sicherer, traumhafter Ort, sondern ein Ort, an dem die Regeln unserer Welt nicht gelten, was einen beunruhigenden, im freudschen Sinne unheimlichen Effekt haben kann. Am Ende des Abends werden wir schließlich von einem der weißen Kaninchen in eine Art Schlafsaal voller Feldbetten geführt, wir geben unsere Kopfhörer ab und hören die langsam leiser werdende Aufforderung: „Schlaf ein oder wach auf“, was tatsächlich das Gefühl erzeugt, aus einem Traum zu erwachen. Aber es war nicht alles ein Traum, eine kleine Spur des Wunderlandes hat sich in die Realität gerettet: Ein kleines weißes Kaninchen aus Schaumgummi liegt auf jedem Kopfkissen und begleitet die BesucherInnen nach Hause. Die Inszenierung verlangt den BesucherInnen einiges ab, belohnt sie aber reich dafür, sich auf das Spiel eingelassen zu haben: Mit einem wirklich ungewöhnlichen Besuch im Wunderland, aber auch mit dem Wissen, Teil einer in dieser Form sich nicht wiederholenden Inszenierung gewesen zu sein.

Folge dem weißen Kaninchen

Eine Wanderung begann, durch die Welt, durch das Erleben, durch die Gefühle und die Tiefgarage des Deutschen Theaters. Manchmal in Gruppen, manchmal so alleine, dass wir uns vergessen glaubten. Ein teils unheimliches, aber nie gruseliges Kopfkino entsteht und ein jeder hat andere Gefühle gespürt und entwickelt und so war die einhellige Meinung aller: Da muss man dabei sein. Das ist ganz was andres.

Äußerst gelungen

„In Alice Welt“ wird dem Titel in besonderem Maße gerecht und vermag zu überzeugen und zu beeindrucken. Dieses Erlebnis bringt einen wohl näher an die Gefühle und Eindrücke einer Alice im Wunderland heran, als es ein normales Theaterstück je tun könnte. Und das überraschende Ende ist ohnehin so außergewöhnlich atmosphärisch, dass ein Besuch schon deswegen lohnt. Ein besonderes Theatererlebnis, das in Konzeption und Ausführung äußerst gelungen erdacht ist.

Ich war am Wochenende bei euch, in Alice Welt. Und ich muss sagen so etwas habe ich noch nie miterlebt. Es beeindruckt, fasziniert mich noch immer. Es hallt ständig nach. Und begeistert und verwirrt mich aufs Neue. Kurzum. Für mich konnte das neue Theaterjahr nicht besser anfangen.

 

Unbedingte Empfehlung. Man sollte sich auf einen total anderen, phantasievollen, verrückten Theaterabend einstellen. Die Fragen um das Sein, die Zeit, das Leben spricht ganz bestimmt auch Jüngere an. Allerdings wird man getrennt, jede/r durchläuft die Stationen individuell. So bleibt es spannend und man kann sich anschließend austauschen.

Eine unglaubliche Inszenierung und ein Muss, wenn man Theater mal anders erleben will.

 

Danke für den Abend und die Entdisneyfizierung dieser tollen Texte! Was ein herrliches Gedankenlabyrinth ihr da vollbracht habt.

 

Ich bin 52, IT-Berater mit einem großen Faible fürs Theater. Ich habe zufälligerweise den NDR-Bericht gehört und mich kurzfristig entschlossen auf der Durchreise von FFM nach Hamburg in Göttingen Halt zu machen. Und ich wurde einfach nur belohnt. Hier ist alles anders. Es gibt so viel zu bestaunen von Anfang an. Nach 3-5 Minuten hoppelt man dem Kaninchen hinterher zum nächsten Raum, und wird wieder nicht enttäuscht. Man kann den Kopfhörer abnehmen, wenn man möchte und dem Geschehen im jeweiligen Raum lauschen. Oder man behält ihn auf und hört einen phänomenalen Soundtrack, der von den Darstellern offenbar live, auf mir bis dato unbekannten Instrumenten hergestellt wird. Wirklich grandios. Das einzige, was man vielleicht an diesem Abend bemängeln kann ist, dass er viel zu kurz ist und man nicht in alle Räume gebracht wird. Aber das Gefühl etwas Schönes verpasst zu haben, ist mir allemal lieber, als der Drang das Theater lieber sofort wieder verlassen zu wollen. Ich kann jedenfalls nur Gutes sagen. Tolle Darsteller, liebevollst ausgestattete Räume, tolle Musik. Man sollte auch mal wieder ein bisschen kindlicher ins Theater gehen und sich auf Dinge einlassen, das habe ich mir jedenfalls vorgenommen. Man kann an solchen Abenden auch wunderbar mal wieder über sein eigenes Ich nachdenken in dieser Welt, wie man sie gerade in diesen Zeiten erlebt.

Vorbericht Göttinger Tageblatt

Vorbericht Stadtradio