"Endlich wieder Menschen, endlich wieder Dialoge, endlich wieder Kultur. Die Premiere ist geschwängert von Glückshormonen. Mit der Tankstelle hat es das DT Göttingen geschafft, Theater in theaterlosen Zeiten neu zu definieren. Ein starkes Statement für das Analoge."

2021, Freiluft-Projekt am Deutschen Theater Göttingen

Konzept und Regie: Antje Thoms Dramaturgie: Sonja Bachmann, Jascha Fendel, Matthias Heid, Mona Rieken Ausstattung: Florian Barth Musikalische Leitung: Michael Frei Fotos: Isabell Winarsch

Mit: Gabriel von Berlepsch, Gaby Dey, Bastian Dulisch, Florian Eppinger, Michael Frei, Angelika Fornell, Rebecca Klingenberg, Roman Majewski, Marco Matthes, Anna Paula Muth, Daniel Mühe, Katharina Müller, Marina Lara Poltmann, Marie Seiser, Judith Strößenreuter, Andrea Strube, Ronny Thalmeyer, Nathalie Thiede, Paul Trempnau, Christoph Türkay, Gaia Vogel, Paul Wenning, Gerd Zinck und Ole Bartel, Anton Braunschweig, Nicole Braunschweig, Juna Emunds, Kalle Gellert, Moritz Gellert, Oskar Gellert, Fabian Hartje, Paul Häußer, Tilla Jeßing, Phoebe Krist, Jana Kühner, Ina Laenger, Lillian Jöster, Moritz Kahl, Alexandra Mahlmann, Herbert Meyfahrt, Alma Nossek, Lotta Sennekamp, Nele Sennekamp, Brigitta Queisser-Westermann, Felix von Nostitz-Wallwitz und Karen Knochen-Dinse, Uta Knust, Christian Kociumaka, Clemens Bülow, Lisa Pauline Peters, Antonia Taubert, Antje Thoms

Analog!
Coronasicher!
Ohne Auto erreichbar!
Täglich von 16:30 bis 18:30 Uhr!
1:1 Begegnungen!
Eintritt frei!

Sie hat Treibstoff für Fahrzeuge, Chips für den Filmabend, Eis am Stiel am Sonntagnachmittag, Bier für die nächtliche Party, Katzenfutter, Grundnahrungsmittel, Zigaretten und die Feierabend-Zeitschrift: Die Tankstelle hat schon so manche Situation gerettet. Ab Ende März gibt es im Außenbereich des DT ebenfalls eine Tankstelle, die ihre Besucher:innen u.a. mit Begegnungen, Gesprächen, Wundern, Musik, Heiterkeit, Trost und Liebe versorgt. Fünf Einzelzimmer mit je einem Fenster zur Außenwelt bieten einzelnen Zuschauer:innen für einen kurzen Moment direkten Kontakt, zufällig auf dem Wall Entlangspazierende schauen hingegen in seltsam stillstehende Alltagswelten. Das Projekt thematisiert die Lücke, die „social distancing“ aufreißt und unternimmt gleichzeitig den Versuch, diese Lücke für einen kurzen Moment im 1:1 Kontakt spielerisch zu überbrücken.

Diese Tankstelle in Göttingen ist ein echtes Ereignis

Schon zu Beginn der Theaterschließungen, da ließ sich das Deutsche Theater in Göttingen was einfallen, spielte in der Parkgarage des Hauses, passenderweise „Corpus Delicti“, Juli Zehs Theaterkommentar zur Gesundheitspolitik. Die buchstäbliche Er-Fahrung in der Garage wird jetzt fortgesetzt mit dem Projekt „Tankstelle“, einer Sammlung von Theaterminiaturen, mit richtigen Schauspielerinnen und Schauspielern und das auch noch für richtiges Publikum.
Glück gehabt. Auch die Nachmittagssonne schaute von Westen her über die Stadt, an dessen Rand das Deutsche Theater liegt. Gleich hinter dem Haus wanderte das Publikum am aufgehübschten Containerbau entlang. Der ist jetzt die „Tankstelle“ und drei richtige Tanksäulen leisten Kunde und Kundin Gesellschaft in der Wartezeit auf weißen Gartenstühlchen. Wenn dann eine Sirene ertönt, rücken wir immer eins auf und gelangen an fünf Fenster. In den Räumen dahinter wird gesprochen und gespielt, immer im 1:1 gegenüber mit einem Mitglied des Ensembles. Und wir spielen durchaus mit. Wer im selben Augenblick auf dem Stadtwall spazieren geht, sieht das Publikum als sonderbare Wesen, die vor einem Fenster zuweilen herumhampeln und per Mikrofon mit jemandem hinter einer Scheibe sprechen. Auf einer Infosäule vor dem Container sind, etwa so wie die Preise an der Tanke, die Gesprächsangebote des Tages verzeichnet. Fragen sollen wir uns, was wir dringend mal auftanken müssten in diesen kontaktarmen Zeiten und was uns fehlt. Emotion, Emotion, Emotion. Und wenn sie auch ein noch so zartes Pflänzchen ist, dass mit dem Auftanken an dieser Tankstelle löst sich unbedingt ein. In der Tat entwickelt dieses Spiel mit Miniaturen ganz schnell und selbstverständlich eine eigene Dynamik, und sei es nur die eines kleinen Gefühls: Willkommen zu sein, ernstgenommen zu werden, auch von dem Serviceteam drumherum, dass in knallroten Overalls wie Tankwarte unsere Wanderung an den Fenstern entlang organisiert. Diese Tankstelle in Göttingen ist ein echtes Ereignis und tut gut.

„TANKSTELLE“ füllt kulturelle Sehnsüchte auf

„Mir geht es nicht so gut, meine Resilienz stößt an ihre Grenzen. Der Lockdown zieht mich runter, geht an die Substanz. Es wäre besser auszuhalten, wenn ich meine Ressourcen mal wieder auftanken könnte.“ So klagte eine Bekannte vor kurzem ihr Lockdown-Leid. Diesen Wunsch erfüllt jetzt das Deutsche Theater in Göttingen mit seiner „Tankstelle“. Das Konzept der „Tankstelle“, mit der die größten Sehnsüchte aus dem Pandemiejahr gestillt werden sollen, liegt fast zu nah, um erträglich zu sein. So lange musste weitgehend auf Theater verzichtet werden, dass diese Idee von der Tankstelle, die sagt: „wir geben euch, was ihr braucht“ zu einfach klingt. Es lohnt allerdings, diesem Gedanken zu widerstehen. In dieser trostlosen Zeit lässt die kurze Erfüllung von Sehnsüchten innehalten, man möchte verweilen an dieser oder jener Station, nicht schon weiterziehen, da ist das Konzept aber gnadenlos: Kaum ertönt das Signal, kommt ein roter Overall angerannt und führt weiter. Wessen Tank besonders leer ist, kann sich wieder anstellen, um sich noch ein weiteres Lied am Urlaubsstrand im lebensgroßen Setzkasten singen zu lassen. Applaus ist im Übrigen nicht vorgesehen. Vielleicht ist das aber entscheidend für die Atmosphäre, die so entsteht, und für den Eindruck, der bleibt. Denn so bleibt mehr Raum für Reflexion darüber, das einem gerade gegeben wurde, von dem man vielleicht gar nicht wusste, wie sehr es einem fehlt. Applaus ist ein befriedigendes Ende für beide Seiten im Theater. Ein befriedigendes Ende der Pandemie ist indes noch nicht in Sicht und so erinnert die „Tankstelle“ an das Davor und macht Hoffnung für ein Danach. Es bleiben also beschwingte Gefühle und melancholische. Auf dem Weg nach Hause möchte man die Bekannte anrufen: ein bisschen schwärmen von dem guten Essen, erzählen, wie man immer noch Sand in seinen Schuhen findet vom Strandurlaub und überhaupt: Heute hat sich jemand in mich verliebt. Um der anderen Person nicht so vorzuschwärmen, könnte man auch einfach sagen: „Ich war endlich mal wieder im Theater. Es war sehr schön.“ Wollte man aus diesen Gefühlen eine Lehre ableiten, so lautete sie: Theater ist kein Luxus, Theater gibt den Leuten von dem, was sie brauchen. Also ist Theater systemrelevant.

Einmal volltanken, bitte

Fünf Schalter sind an diesem Nachmittag geöffnet, und von weitem sieht der Container tatsächlich wie eine Tankstelle aus. Nur Autos sind weit und breit nicht zu sehen. Stattdessen Kontaktverarmte, Begegnungssuchende. Sie alle können sich hier auffüllen lassen. Mit dem Bedarf ihrer Wahl.
Antje Thoms hat mit ihrer Arbeit einen aktuellen Nerv getroffen und auf spielerische Art und Weise ein Format für das geschaffen, was gerade vielen fehlt: Begegnung, Interaktion, Impulse. Dass sie dabei so gar nicht ins Pathetische abgleitet, liegt an der Nahbarkeit der Schauspieler, ihrem direkten Spiel und nicht zuletzt auch an der – entsprechend dem Speed-Dating-Prinzip – zeitlichen Begrenzung der Performances. Klug rettet die „Tankstelle“ aus der aktuellen Tristesse und macht Vorfreude auf mehr: Theater.

Gegen das Sedativum

Das DT Göttingen hat noch einmal ein starkes Zeichen gesetzt und Theater in Corona-Zeiten neu definiert. Am Freitag eröffnete es die “Tankstelle” und mit diesem analogen Stück verabreichen Antje Thoms und Florian Barth ein Gegengift gegen das Sedativum “streaming”.
Es scheint, als wäre ein Ufo am Wall hinter dem Deutschen Theater gelandet. Davor stehen Zapfsäulen aus derselben Zeit. Wer dicht genug herangeht, kann nicht nur “Blasenfrei zapfen” lesen, sondern auch riechen, dass die Geräte wirklich mal in Gebrauch waren. Dort, wo am Turm sonst die Preise für den Treibstoff stehen, werden heute “Begegnung”, ”Musik”, “Appetit”, “Beweglichkeit” und “Liebe” angepriesen. Menschen in roten Overalls schwirren umher. Das Bodenpersonal macht die Illusion von der Tankstelle perfekt.
Die Namensgebung ist einleuchtend. Das Projekt soll die Menschen zum Auftanken einladen und der Ort für alle zugänglich sein. Das auffällige Design macht den Pavillon bewusst zu einem Ufo am Rand der Innenstadt. Der Ort soll Brücke sein in eine andere Welt. Es ist ein Spagat, der gelingt. Lautsprecher und Mikrofon stellen die Verbindung her zu diesen Mini-Reservaten der Schauspielkunst. Drei Minuten Zeit hat man dann, um sich über Kaiserschmarrn, über Sprechübungen oder über Liebeslieder und alles andere zu unterhalten oder unterhalten zu lassen. Man kann sich selbst zum Teil der Inszenierung machen, man kann es aber auch sein lassen. Aber natürlich ist Interaktion schöner. Das ist ungewohnte Wahlfreiheit in Zeiten intimster Vorschriften. Ist die Zeit abgelaufen, geht es zurück zur Anmeldung, um einen neuen Slot zu buchen.
Das Ensemble und das Publikum sind durch eine Scheibe getrennt. Doch es ist schon eine intime Situation. Manch Älterer fühlt sich zugleich an Peep-Shows erinnert. Man ist fast schon einander ausgeliefert für eben drei Minuten. So dicht kommt man sich selbst im Theater nicht.
Nach Monaten der Entfremdung versteckt hinter dem Euphemismus “social distancing” ist so viel Nähe ungewohnt, fast schon verstörend. Aber je mehr man sich aber auf das Spiel einlässt, um so mehr begeistert es. Nähe macht süchtig. Damit wird klar, was fehlt in Zeiten, in denen man auf die Kernfamilie beschränkt wird. Damit ebenso klar, dass das Allheilmittel Streaming bestenfalls ein Sedativum sein kann.
Endlich wieder Menschen, endlich wieder Dialoge, endlich wieder Kultur. Die Premiere ist geschwängert von Glückshormonen drinnen wie draußen, diesseits und jenseits der Trennscheibe. Mit der Tankstelle hat es das DT Göttingen geschafft, Theater in theaterlosen Zeiten neu zu definieren. Ein starkes Statement für das Analoge und das Präsente.

Glück in Drei-Minuten-Portionen

Umsonst und draußen: Am Freitag hat das Projekt „Tankstelle“ auf dem Außengelände des Deutschen Theaters Premiere gefeiert. Fünf Schalter hat die Tankstelle, im Angebot waren diesmal die Themen Begegnung, Musik, Appetit, Beweglichkeit und Liebe. Das Publikum war begeistert.
Sonst trennt eine Rampe die Darsteller von ihrem Publikum. In dem Konzept, das Antje Thoms und ihr Ausstatter Florian Barth entwickelt haben, hat jeder Zuschauer drei Minuten lang exklusiv mit einem Darsteller Kontakt. Dann beendet eine Hupe das Tête-à-Tête. Die einzige Schranke ist die Glasscheibe, die den Zuschauer von „seinem“ Schauspieler trennt. Doch weil Mikrofone installiert sind, kann man mit seinem Partner sprechen. Das ist faszinierend – wann sonst im Theater fragt ein Schauspieler den Besucher nach seinem Vornamen? Oder macht ihm gar eine Liebeserklärung?
Viele freundliche Helfer in roten Overalls lenken sorgsam den Besucherstrom, sodass der Ablauf ohne enge Kontakte reibungslos funktioniert. Die Wartezeiten sind kurz, und wer fertig ist mit dem Tanken der kleinen Glücksmomente, will das Gelände gar nicht gleich verlassen. Besonders an einem solchen Frühlingstag im warmen Sonnenschein. „Das war geil“, sagt eine Besucherin. Ihre Freundin fügt hinzu: „Ich komme jetzt öfter.“

Die „Tankstelle“ ist unbedingt besuchenswert

Die gesamte Kultur befindet sich im Lockdown. Die gesamte? Nein, in einer südniedersächsischen Stadt leistet die Kultur erbitterten Widerstand.
Schon das Angebot an der Anzeigentafel „Tanken Sie Heute“ macht neugierig – und vielleicht sogar ein bisschen leichtsinnig, jetzt einfach mal etwas Unerwartetes zu bestellen. Was sich wohl hinter dem Hinweis „Begegnung“ verbirgt und was mit „Beweglichkeit“ gemeint sein könnte?
Zu bewegenden, heiteren, witzigen, überraschenden und faszinierenden Begegnungen kommt es in jedem Fall am neuen Theatertreffpunkt am Wall und das ganz unmittelbar, ohne die mediale Distanz am Bildschirm. Trotz Corona-Abstand und Maskenschutz kann sich das Theater immer noch als Raum für ein analoges Miteinander behaupten. Die Zuschauer:innen bekommen einen Fensterplatz an der frischen Luft und erleben hinter der Scheibe ein wunderbares kleines Theaterabenteuer, bei dem sie sich auch gern in ein Gespräch verwickeln lassen dürfen. Die Glückskekse, die es am Einlass zum Auftanken gibt, wo Namen und Adressen der Besucher:innen registriert werden, versprechen keine Wunder. Die erfüllt wiederum das DT-Ensemble, das sich bei den täglichen Angeboten abwechselt. Nach der Premiere können die Besucher:innen täglich zwischen 16.30 und 18.30 Uhr weiter auftanken und das nicht nur einmal, auch wenn sie sich zunächst für ein Angebot entscheiden müssen. Danach können sie sich auf ein Neues an die Kundenschlange anschließen und sich auf das nächste kleine Theaterwunder freuen.

„Tankstelle“ macht gute Stimmung

Ein kurzweiliges Theaterformat hat sich das Deutsche Theater Göttingen erdacht. Glück können die Menschen trotz Pandemie tanken. Die „Tankstelle“ nahe dem Theatergebäude hat ihren Betrieb aufgenommen und bei den Zuschauern – passend zum Wetter – strahlende Premierenstimmung verbreitet. Ein kurzweiliges Theaterformat hat Regisseurin Antje Thoms mit Bühnenbildner Florian Bart erdacht. Passanten, die – wohlgemerkt ohne Auto – die Tankstelle am Göttinger Wall ansteuern, tanken an einem ihrer fünf Fenster neue Kraft in den zehrenden Coronazeiten. Die Passanten, die an die Tankstelle kommen, werden für drei Minuten aus der Wirklichkeit entführt. An jedem der fünf Fenster des Satelliten bekommen sie unterschiedliche Angebote. Ein weiteres Prinzip der „Tankstelle“ wird deutlich: Wer hier tankt, wird Teil seiner Vorstellung. Die Zuschauer sind im Dialog mit denen, die sie hinter den Fenstern unterhalten, so bestimmen sie die Inhalte mit, können vielleicht sogar das Thema wählen.

Sich was Gutes tun

Wer, wenn nicht wir alle können in dieser nicht enden wollenden Corona-Zeit etwas Ablenkung, Aufheiterung, Reflektion und Inspiration von und im Alltag gebrauchen. Das alles lässt sich bei der „Tankstelle“ am Deutschen Theater Göttingen in einer wunderbaren Weise finden. Mit spielerischer Liebe zum Detail haben Antje Thoms und Florian Barth den DT-X Satelliten in eine Auftankstation für unser Gemüt umgewandelt und uns wieder reale Begegnungen mit dem Ensemble, trotz der noch zu berücksichtigenden Corona-Vorgaben, ermöglicht. Und somit erinnert zur Premiere die Atmosphäre am Theaterwall mit ihrer fröhlichen Leichtigkeit an einen Kirmesbesuch am Sonntag, inklusive Zuckerwatte. Jeder Gast dieses Angebotes erlebt jedes Fenster mit den sich fantasievoll wechselnden Raum- und Kostümausstattungen im ganz persönlichen Austausch mit den Schauspieler*innen anders, eben einzigartig. Und das macht dieses Projekt so ganz besonders. Ich werde sicher in den nächsten Wochen noch ein paarmal vielleicht nicht „im“, aber sicher „am“ Theater sein!

Theater-Snack

In Ermangelung an Alternativen feiert ja gerade der Spaziergang als althergebrachte Unterhaltungsform sein Comeback. Oder, etwas gehobener gesagt: das Flanieren. Und weil ja kein Theater auch keine Lösung ist, gibt es im – oder besser: am – Deutschen Theater für alle Flaneure und Flaneusen eine neue Inszenierung zu sehen. Es ist kaum möglich, nicht darüber zu stolpern. Es ist nichts Großes, nichts Besonderes, aber immerhin: etwas. Ein kleines Stück Unterhaltung, 15 Minuten Theater, die sich schnell mal während des Spaziergangs absolvieren lassen, in aller Sicherheit.
„Tankstelle“ ist weniger eine Inszenierung als vielmehr ein Lebenszeichen, eine Botschaft an die Menschen der Stadt: dass es eben doch weitergeht. Dass auch unter widrigen Umständen theatrale Formen gefunden werden können, auch solche, die sich nicht ins Digitale zurückziehen müssen.
„Tankstelle“ ist dabei vor allem: charmant. Es ist keine Mahlzeit – die gibt es an Tankstellen ja sowieso nicht, sondern ein Snack. Ein Schokoriegel mitten in der Nacht. Ein Getränk zu einer Uhrzeit, wo es woanders keine Getränke mehr gibt. Eine schnelle Freude beim Flanieren, für ein kleines Lächeln unter dem Mundnasenschutz.

Was Tankstellen mit Theater und Ostern verbindet

An Tankstellen wird vor allem Kraftstoff getankt, im Oster-Lockdown werden sie zum Einkaufsparadies. Um geistige Tankstellen kümmert sich das Theater in Göttingen, dort können Besucher Kraft tanken. Unter anderem.
Tankstellen sind großartig. Ihren Auftrag als Vorderzimmer der Auto-Lobby haben sie vor langer Zeit schon erweitert um Waren des nächtlichen Bedarfs. Dort gibt es alles, was Menschen brauchen, die die Öffnungszeiten des Discounters nicht im Kopf haben und Mitternacht ratlos vorm Aldi stehen. Oder am Sonntag. Oder im Oster-Lockdown am Gründonnerstag. In Tankstellen wird auch allerlei Zeitvertreib angeboten für die Passagiere auf den passiven Plätzen. Sogar Bücher gehören dazu.
„Wir haben in Deutschland ein dichtes Netz geistiger Tankstellen“, sagt Kulturstaatsministerin Monika Grütters gern, es bestehe aus 5000 inhabergeführten Buchhandlungen, 6800 Museen und 360 staatlich und privat geförderte Theaterbühnen. Frau Grütters wird alle Jahre wieder belächelt für ihren Tankstellen-Vergleich. Das Deutsche Theater Göttingen aber nimmt sie beim Wort.
Vor dem Theater eröffnet die „DT-Tankstelle“. Zuschauer können sich im jeweils drei Minuten dauernden Eins-zu-eins-Kontakt vom Ensemble auftanken lassen. Mit Verschwörung, Drama und Wunder könnte das DT den Ausfall der Ostergottesdienste kompensieren.

Selbst wenn ich ordentlich auf die Euphoriebremse treten würde, würde ich trotzdem sage „da müsst ihr hin“. Aber ich trete ja gar nicht auf die Bremse sondern gebe ordentlich Gas. Da müsst ihr ganz bestimmt hin.

Ich war vorhin dort, es ist großartig…

Wenn so etwas, und viele andere kreative Aktivitäten in Göttingen, die aus der Not heraus geboren wurden, entsteht, kann ich diesem verdammten Virus sogar fast noch etwas Positives abgewinnen.

Danke! Meine Freundin und ich sind für einen Tag aus Hannover geflohen, wo alles seit 4 Monaten geschlossen ist – unser Tag wurde gekrönt von KULTUR … das wir sowas mal wieder erleben, einfach reingeraten sind wir in die Tankstelle. Tolle Idee! Geniale Umsetzung! So lustig, mehr davon und am Besten an jeder Ecke. Die Leute werden fröhlich von sowas. Wir freuen uns auf Kultur und sind froh, dass es sie gibt.

Ich war heute tanken- danke dafür! Das war wieder ein sehr schönes (und leider zu kurzes) Theatererlebnis. Wie schön, über dies und das zu sprechen und nicht über Corona – obwohl solche Theatererlebnisse ohne Corona vielleicht gar nicht stattfinden würden. Ich bin glücklich weggegangen und fand es auch ästhetisch wieder ganz toll.

Es wirkt, sich mit guter Laune, Spaß, Zuwendung betanken zu lassen! Erfahrungen von Mensch zu Mensch! Danke!

Positive Lebensimpulse von der „Kulturtankstelle“. Danke! Applaus von mir zur anderen Seite der Scheibe. Belebt! Superidee!

Was für eine wundervolle Aktion! Und wie wohltuend konstruktiv nach dem medialen Trubel um #allesdichtmachen. Vielen Dank an Ihr Ensemble, die den Göttingern als „kulturelle Ersthelfer“ einen Übergang und eine Perspektive schaffen, bis der gewohnte Theaterbesuch wieder möglich ist.

Sehnsucht nach mehr

Wenn die Zuschauer nicht ins Theater dürfen, kommt das Theater eben zu ihnen raus. „Ich hatte so stark das Bedürfnis, mal wieder echte Menschen sichtbar zu machen“, erzählt Antje Thoms, Hausregisseurin am DT Göttingen. „Darum suche ich nach Möglichkeiten im Analogen, nach dem körperlichen Erlebnis Theater.“
Sie hat sich also ein komplett coronakonformes Format ausgedacht, das trotzdem wieder so etwas wie zwischenmenschliche Nähe möglich macht. Der Container für die Theaterpädagogik wurde in eine „Tankstelle“ umgestaltet. Eine spezielle Tankstelle freilich. Nicht Benzin, Zigaretten und Cola gibt es hier, sondern einen Treibstoff der besonderen Art: „Zukunft“, „Trost“, „Liebe“ oder „Unnützes Wissen“ kann man hier tanken. Wie am Nachtschalter kann jeweils ein Besucher über eine Gegensprechanlage die Mini-Performance hinter der Scheibe verfolgen. „Es sind kurze Eins-zu-Eins-Begegnungen“, so Thoms, „wie eine Erinnerung daran, wie das ging: mit fremden Menschen in einen Dialog treten. Wir möchten was anbieten, das gute Laune macht und den Leuten helfen, den Alltag mal für drei Minuten wegzulegen.“ Von dadaistischen Sprechübungen bis zur Telefonseelsorge oder einem Stück Wunschmusik reicht das Spektrum.
Die Installation funktioniert auch für zufällige Passanten, die zu keinem Schalter gehen. Die sehen dann „seltsam stillstehende Alltagswelten, Menschen alleine in Zimmern. Das hat was von Edward Hopper und auch was Voyeristisches: Man guckt in erleuchtete Fenster.“ Im vergangenen Frühjahr inszenierte Thoms „Die Methode“ als Drive-Through-Theater in einer Tiefgarage. Sie scheint zur Spezialistin für kreative Formate zu werden, die persönliches Theater in Zeiten von Corona ermöglichen – ob mit oder ohne Auto. Vor allem setzt sie auf eine Nähe, die anderswo schmerzlich fehlt.