„Regisseurin Antje Thoms hat ein Paradestück der Theaterkunst vollbracht, das alle Sinne der Zuseher einfordert."

2018, Staatstheater Augsburg / Kühlergebäude Gaswerk Augsburg-Oberhausen

Text: Georg Kaiser Regie und Kostüme: Antje Thoms Dramaturgie: Sabeth Braun Bühne: Ute Radler Musik: Stefan Leibold Fotos: Hermann Posch

Mit: Ute Fiedler, Andrej Kaminsky, Klaus Müller, Sebastian Müller-Stahl, Roman Pertl, Daniel Schmidt, Katja Sieder, Kai Windhövel und Sophia Aujezdsky, Petra Kaiser, Brigitta Brandmair-Keinath, Franz Hackl, Andreas Hobmeier, Elisa Hugo, Amélie Rettenbacher, Max Rosentreter, Benedikt Siegel, Max Thiel, Stefanie von Mende

„Schließlich kann doch die Technik der Welt nicht stillstehen.“

 

 

 

„Wenn man zum erstenmal unterwegs ist, sperrt man die Augen weiter auf.“

 

 

 

„Bis zum Stillstand braucht es seine Zeit.“

 

 

 

 

„Gut folgt der Gehorsam.“

Es ist unsichtbar, es ist überall, es ist pure Energie: Gas. Energie ist die Droge des Industriezeitalters, ohne Energie keine Produktion, ohne Energie kein Wirtschaftswachstum. Georg Kaiser schrieb DIE KORALLE, GAS I und GAS II zu einem Zeitpunkt, als die Industrialisierung in der westlichen Welt einen gewaltigen Aufschwung nahm. Entstanden ist eine Familien-Saga, bei der Männer aus drei Generationen im Mittelpunkt stehen. Entstanden ist eine erschreckend hellsichtige Prognose über rücksichtslosen Fortschrittswahn, entfremdete Arbeit und das Verhältnis Geld-Mensch-Technik, die deutlich macht, dass der moderne Kapitalismus eine ungeheure Zerstörungskraft entfalten kann, wenn alles den Gesetzen der Produktion, des Fortschritts und des Wachstums unterworfen ist.

 

Gas schafft Reichtum. In DIE KORALLE leitet der Milliardär das Gaswerk streng hierarchisch und hat in seinem Sekretär den perfekten Doppelgänger gefunden. Diesen schickt er bei öffentlichen Auftritten und Konflikten stellvertretend vor, während er selbst an einem anderen Ort entspannt. Obwohl er eine Welt voller Armut und Elend hinter sich gelassen und sich aus eigener Kraft vom Hilfsarbeiter zum Fabrikbesitzer hochgearbeitet hat, ist der Milliardär noch immer rastlos auf der Flucht vor den traumatischen Erlebnissen seiner Kindheit und rettet sich in eine künstliche heile Welt. Als Sohn und Tochter aus dieser ausbrechen und in die Realität zurückkehren, zerreißt es ihn.

 

Gas schafft Zerstörung. In GAS I übernimmt der Milliardärssohn die Leitung. Er hat das Werk des Vaters sozialisiert und die Arbeiter am Gewinn beteiligt. Immer mehr Gas wird produziert, immer größer wird die Nachfrage nach dem flüchtigen Stoff. Doch das System überhitzt, die Fabrik explodiert und es wird nach einem Schuldigen verlangt – dem Ingenieur. Aber dessen Formel stimmt, der Fehler war nicht berechenbar. Der Chef, der Gleicher unter Gleichen sein wollte, muss sich entscheiden und schmerzlich einsehen, dass er dem unkontrollierten Rausch der Arbeit und der gnadenlosen Gier nach Profit nichts entgegenzusetzen hat.

 

Gas schafft Ideologie. In GAS II schließlich ist die Fabrik verstaatlicht und produziert Gas nur noch für Rüstungszwecke. Der Enkel des Milliardärssohns soll die sinkende Produktivität der gnadenlos an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit getriebenen Arbeiter steigern. Doch diese proben zusammen mit ihm den Aufstand und verschaffen so dem Feind einen Vorteil, den dieser nutzt, die Fabrik zu besetzen. Das gerade erfundene Giftgas verheißt letzte Rettung und endgültigen Untergang.

Draußen vor der Tür

Schon vor der Tür beginnt das Theater. Da schwatzt ein schmerbäuchiger Sonderling über die Vereinzelung des Menschen, während ihm zu Füßen ein Stadtstreicher an der Wand kauert, ins Leere blickt und ein Schild hoch hält: „Lächle! Es könnte schlimmer sein. Du könntest ich sein!“ Drei

weitere Obdachlose haben ähnlich beunruhigende Nachrichten auf Pappkarton geschrieben, etwa: „Heute ich, morgen du.“ Ein autistisch wirkender Arbeiter spricht jeden an, der seinen Weg kreuzt, und eine vor dem Toilettenhäuschen herumlungernde Frau raunt vor sich hin, als wäre sie von Sinnen: „Die scharfen Messer schälen nur noch Kartoffeln.“ Die Umgebung, in der diese Außenseiter ihr tristes Spiel aufführen, könnte nicht passender sein: Bauzäune, Gerüste, von den Wänden bröckelnder Putz. Jeder Schritt wirbelt Staub auf, ein Kran überragt die Szene. Bei dem Bau, vor dem sich das Geschehen ereignet, handelt es sich um das Kühlergebäude des örtlichen Gaswerks. Es ist zur vorübergehenden Ersatzspielstätte geworden. Ein in jeder Hinsicht glücklicher Umstand, denn so lässt sich Antje Thoms‘ Inszenierung von Georg Kaisers „Gas“-Trilogie gleichsam an einem Original-Schauplatz erleben.

Die gut dreistündige Vorstellung ist eine Leistungsschau fortschreitender Reduktion: der Sprache, die immer knapper und kryptischer wird; der Handlung, die am Ende ohne Nebenplots auskommt; der Figuren, die peu à peu ihren Facettenreichtum einbüßen und zu reinen Typen werden. Allerdings

macht das nichts, denn der eigentliche Protagonist ist das Gaswerk. Der von Ute Radler grandios gestaltete Innenraum des Kühlergebäudes dient gleichermaßen als Zuschauersaal und Spielfläche, wobei man auf den ersten Blick überhaupt nicht bemerkt, dass man ein Bühnenbild vor sich hat. Leuchtstoffröhren und Schaltkästen, Stahltreppen und Deckenventilatoren – intim, sagt dieses nüchterne Industriedesign, wird es hier zu keinem Zeitpunkt. Das jedoch ist nur die halbe Wahrheit. Denn die Zuschauer erhalten vor dem Einlass Kopfhörer, die sie während der Vorstellung so eng an die Figuren

heranführen, wie es anders kaum denkbar wäre. Jedes Schlucken, Räuspern, Schlürfen windet sich mit zwingender Eindringlichkeit in unsere Gehörgänge. Wenn Andrej Kaminsky – er verkörpert den gebrochenen Milliardär in der „Koralle“ mit demselben Feingefühl wie den von Utopien irritierten Ingenieur in „Gas“ – mal leise und fragil, dann hart und unbeherrscht spricht, wird das Gesagte fast nebensächlich. Das gleiche Kunststück bewerkstelligen Roman Pertl und der äußerst versatile Sebastian Müller-Stahl, die ebenfalls in unterschiedlichen Rollen auftreten. Die Beschaffenheit, ja die Materialität ihrer Stimmen erzeugt eine Atmosphäre, in der das Stück momenthaft aufgeht. Hinzu kommt die fabelhafte Musik von Stefan Leibold. Wie in einem Film von David Lynch wabert und wummert und brummt ein elektronischer Soundteppich in die Story, so dass die Sinnlichkeit der Darbietung plötzlich viel wichtiger wird als der Sinn.

Es ist mithin, als könnte man nicht näher dran sein am Geschehen. Gleichwohl gilt paradoxerweise auch das genaue Gegenteil. Denn die Kopfhörer isolieren die Zuschauer und distanzieren sie von den

Schauspielern. Das Arbeiterkollektiv des Dramas steht einem durchindividualisierten Publikum gegenüber. Verschärft wird diese Situation, sobald Teile der Handlung draußen vor der Fensterfront ablaufen. Wir hören, was geredet wird, sind aber nicht mehr wirklich dabei. Wenn dann noch eine der Figuren ihre Kamera auspackt und anfängt, Bilder von uns zu knipsen, haben sich die Verhältnisse vollends verkehrt – wir die Beobachteten, die Schauspieler die Beobachter. Das verträgt sich bestens mit dem Pappschild des Obdachlosen vor der Tür: „Du könntest ich sein“.

Bildgewaltig

In Georg Kaisers Trilogie „Gas“ umwuseln verarmt aussehende Fabrikarbeiter und merkwürdige Stadtgestalten noch vor dem Theatersaal im Kühlergebäude die Menge. Warnstufen erklingen, Kopfhörer sind über die Ohren zu ziehen, erst dann wird Einlass in das Innere der Fabrikanlage gewährt. Das Motiv der Eintrittsberechtigung und Zutrittsverweigerung durchzieht den gesamten Abend. Zwei Etagen mit Gitterwegen umragen die Gäste, von allen Seiten strömen die Mächtigen und die Entmächtigten hinaus und hinein, treppauf und -ab. Sinnbildlich blickt die vornehme Gesellschaft ins Innere der Halle, nur um die Kluft zwischen unverdientem Luxusleben und blindem Arbeitsgehorsam aufzureißen. Eingedampft vom Kesselrauch erlebt das Publikum hautnah die Zerbrechlichkeit einer von Arbeitern aufgebauten Maschinerie und die Unverletzlichkeit der Maschine selbst. Sie ist es, die immer wieder in Betrieb genommen wird. Die menschlichen Schicksale aber verblassen vor den Gesichtern der Produktionsleiter. Regisseurin Antje Thoms hat ein Paradestück der Theaterkunst vollbracht, das alle Sinne der Zuseher einfordert.

Vorgriff auf die virtuelle Welt

Mit der Aufführung der Gas-Trilogie von Georg Kaiser eröffnete das Staatstheater Augsburg seine Schauspiel-Spielzeit auf bemerkenswerte Weise. Regisseurin Antje Thoms hat aus der Not eine Tugend gemacht, ein berührendes und lebensnahes Theatererlebnis. Denn im Kühlerhaus ist nichts umgebaut. Man hat tatsächlich den Eindruck, dass die Arbeiter das Gelände gerade erst verlassen haben. Auch das „Foyer“, die Halle daneben, ist gleichzeitig Kartenverkauf und Künstlergarderobe, alles zwischen irgendwelchen herumstehenden Maschinenteilen. Was für eine Kulisse für so ein Stück! Deutliche Anklänge an heutige Zustände ergeben sich von selbst. Um die Atmosphäre ohne Umbauten oder Bühnenbild in Szene zu setzen, lässt sich die Regisseurin, die auch für die Kostüme verantwortlich ist, zusammen mit der Bühnenbildnerin Ute Radler einiges einfallen. Die Mitte des Kühlerhauses nimmt ein großer Gasbehälter ein, den man gut auch für ein Relikt aus der aktiven Zeit des Gaswerks halten kann. Auf diesem Teil und rundherum spielt sich alles ab, einiges aber draußen und das wird über die Kopfhörer, die jeder Zuschauer zu Beginn der Vorstellung bekommt, ins Stück geholt. Zusätzlich spielen sich Szenen vor den großen Fenstern der Halle ab, die man schemenhaft sehen und über die Kopfhörer erleben kann. Ein gelungener Vorgriff auf die virtuelle Welt, der das Spiel lebensecht und intensiv erlebbar macht.

Die Statisterie ist bereits im Vorfeld im Einsatz, Bettler ziehen ihre Runde, Heilsbringer stehen da und man bekommt auch eine Kartoffelsuppe als „Arbeiteressen“ serviert. Danach ist die „Masse“ auch immer präsent zwischen den Zuschauerreihen, skandierend, flüsternd („Gas“), auch singend. Das Schauspielteam bewältigt alle Rollen mit wandlungsfähiger Bravour und in einem intensiven Zusammenspiel. Geschickt wird die Aufmerksamkeit der Zuschauer an wechselnde Orte gelenkt – zwischen Mitte, Galerie und Emporen des Raums, was besonders im letzten eher textintensiven Teil ohne überzeugende Handlung nötig ist. Das gilt auch für das „proletarische“ Begräbnisritual zum Schluss. Ein finales Scheitern, das sehr symbolträchtig zelebriert wird. – Ein großer, ein erlebenswerter Theaterabend.

Elend am Original-Schauplatz

Es bietet sich in Augsburg gerade eine famose Gelegenheit: jetzt kann man Georg Kaisers Gas-Trilogie praktisch an einem Original-Schauplatz aufführen und zwar im ehemaligen Kühlergebäude, das tatsächlich eine grandiose Kulisse abgibt und in Antje Thoms Inszenierung eine entscheidende Rolle spielt. Der erste Teil, „Die Koralle“, funktioniert als Stück am besten und handelt viel vom Ausgeschlossensein aus einer Parallelwelt, die nur einen Steinwurf weit weg von der eigenen existiert. Die Zuschauer werden am Eingang mit Kopfhörern ausgestattet. Und weil man eben nur über Kopfhörer dabei ist, löst sich auch das Zuschauerkollektiv auf. Man fühlt sich isoliert und zurückgelassen. Der zweite Akt spielt auf einer Yacht und wieder ist man nicht dabei. Wir werden sogar hin und wieder von einer Fotografin geblitzt, als wären wir hier die Begafften. Nach so viel Spiel aus zweiter Hand wirken die beiden kommenden Szenen, nun direkt und leibhaftig vor unseren Augen gespielt, umso stärker. Der Milliardär muss sich von seinem Sohn vorwerfen lassen, dass sein ganzes Leben nur auf der Ausbeutung armer Menschen besteht. Andrej Kaminsky und Roman Pertl als Vater und Sohn meistern diese Auseinandersetzung eindringlich; schließlich kommt noch Sebastian Müller-Stahl als Sekretär dazu. Er muss für das Scheitern der Visionen des Milliardärs mit seinem Leben bezahlen, womit der erste Teil eine bittere Schlusspointe hat und der Abend einen furiosen Höhepunkt. Antje Thoms setzt auf den Raum. Der bringt eine gewisse Sakralität mit. Eine Beerdigung wird zelebriert wie ein Gottesdienst. Die Schauspieler bewegen sich wie die Räder einer Maschine. Ein zum Schluss die Kommandogewalt übernehmender „Chor der Gelbfiguren“ spricht mit der Stimme des Betriebssystems macOS. Georg Kaisers Fortschrittsskepsis ist aktuell in einer Zeit, in der sich die Menschen immer mehr von Maschinen und Algorithmen beherrschen lassen.

Steilvorlage

Das für die Produktion von Georg Kaisers Trilogie „Gas“ als Bühne eingerichtete Kühlerhaus macht eine überaus gute Figur. Es beginnt bereits draußen vor der Tür. Dort treiben sich einige Gestalten herum, deren Armut ebenso greifbar ist wie ihr Versuch, sich damit nicht abzufinden. Nachdem der Besucher dieses Vorspiel passiert hat, bekommt er am Eingang erstmal einen Kopfhörer in die Hand gedrückt, der im Saal aufzusetzen ist und eine Brücke zu vielem errichtet, was in den nächsten drei Stunden geschieht: Es wird auch vor den Fenstern gespielt oder hinter verschlossener Tür. Der Kopfhörer-Kniff verleiht der Inszenierung große Intensität, Publikum und Akteure kommen sich sehr nahe und die Stimmen gehen direkt ins Ohr. Die Zuschauer andererseits werden so voneinander isoliert. Sehr eindringlich gelingt dies im ersten Teil, in dem das dialogorientierte Geschehen sich stark auf wenige Akteure konzentriert. Ein weiterer Akteur darf keinesfalls unterschlagen werden: Das Kühlerhaus trägt als Spielort mit sparsamen Bühnenbauten, die sich symbiotisch einpassen, zum Gelingen bei. Ute Radler hat ein selbstverständliches hochatmosphärisches Setting geschaffen. Ein sehr gelungener Auftakt, der auch zeigt, wie stark das Vorläufige sein kann.

Die Vernichtung der Humanität

Das Theater Augsburg hat mittlerweile jahrelange Erfahrung mit Ersatz- und Interims-Spielstätten. Dass die durchaus kreative Energie freisetzen und ganz eigene Theatererfahrungen schaffen können, zeigt sich auch bei der Inszenierung von Georg Kaisers Trilogie „Gas“. Das Industriedenkmal wird zu einer beeindruckenden Theatermaschine, die Zuschauer sitzen quasi mitten im Maschinenraum. Schon vor Beginn streichen die Schauspieler als Obdachlose, Arbeitssuchende oder Straßenverkäufer über das Gelände, fantasieren über den Sozialismus, wollen diskutieren oder den Besuchern etwas andrehen. Die haben indes schon etwas bekommen: Kopfhörer. Schon vor der Vorstellung kann man so hören, was die Schauspieler verkünden, auch wenn man nicht direkt neben ihnen steht. Später, nach Beginn, erlebt man Nähe und Distanz gleichzeitig. Man fühlt sich abgekapselt, in einem eigenen Resonanzraum, ist aber gleichzeitig ganz nahe an den Schauspielern, hört ihr Flüstern, als wäre man mitten auf der Bühne, dazu auch Musik und Sounds, oder man erlebt Szenen, die in einem Nebenraum oder draußen vor den Fenstern spielen, dennoch hautnah mit. Bühnengeschehen und Text werden so mitunter entkoppelt, die Eindrücke dadurch aber vervielfältigt. Gerade dadurch eröffnen sich den Schauspielern enorme Möglichkeiten, die sie ausschöpfen. Herausragend etwa Andrej Kaminsky, der zunächst der Milliardär ist, später der Ingenieur, der den Technologiewahn der Zeit (unserer Zeit) verkörpert und die Arbeiter auch nach der Katastrophe zum Weitermachen überredet; oder Roman Pertl, erst der Sohn des Milliardärs, später der Schreiber, im dritten Teil schließlich der „Miliardärarbeiter“, der sich mit dem Giftgas, das die Fabrik mittlerweile produziert, selbst umbringt; schließlich Sebastian Müller-Stahl, der die Utopie des neuen Menschen als Sohn des Milliardärs am eigenen Körper, als regelrechte Schauspielkörperarbeit in der Fabrikhalle produziert und zeigt, wie die Hoffnungen, seien es die technologischen, seien es die auf ein neues Lebens jenseits der Industrialisierung, zerstört werden.

Was für ein Kontrast

Um möglichst viel Raum in der Halle und daneben zu nutzen, hat Regisseurin Antje Thoms einen überraschenden Dreh gefunden.  Das Publikum trägt Kopfhörer. Geräuscheffekte und Musik werden unterlegt. Toll auch, dass im ersten Teil des Stücks ein beiläufig-weltmännischer Ton vorherrscht.  Gesprochen wird nah an der Flüstergrenze, das erzeugt Nähe. So geht es hinein in dieses Kaiser-Drama, dieses expressionistische Stück, das Kapitalismus und Sozialismus durchspielt, nach dem Mensch-Sein fragt – während das Leben in Maschinenparks verschwendet wird. Diese Premiere hat starke Seiten. Da zeigt das Darstellerensemble, wie wandlungsfähig es ist. Am stärksten wirkt Sebastian Müller-Stahl,  der als philanthropischer Milliardärssohn  auf  der  Achterbahn emotionaler Ausnahmezustände unterwegs ist: voller Gram nach der Gasexplosion im Werk, danach besessen vom Plan, Wohnraum statt neue Fabriken zu bauen. Dazu hat Thoms starke Bilder im Kühlergebäude gefunden: eine Schiffsfahrt draußen vor der Scheibe, die Explosion, die über die Kopfhörer durch Mark und Bein geht, große Chorszenen im Kühlerhaus. Stiller Star des Abends ist das Gebäude selbst, das von Thoms gekonnt in Szene gesetzt wird. Beim Premierenpublikum kommt der Abend – gemessen am Applaus – sehr gut an, langer Jubel.