„Tempo, Witz und eine schwindelerregende Rasanz hat Regisseurin Antje Thoms in das Stück gepackt. Angelegt wie ein klassisches Boulevardstück – Tür auf, Tür zu, ab in den Schrank – ist es doch viel mehr.“

2019, Inszenierung am Deutschen Theater Göttingen

Text: Ray Cooney, übersetzt von Nick Walsh Regie und Kostüme: Antje Thoms Dramaturgie: Matthias Heid Bühne: Florian Barth Musik: Jan Beyer Fotos: Isabel Winarsch

Mit: Jan Beyer, Gaby Dey, Lutz Gebhardt/Florian Eppinger, Nikolaus Kühn, Roman Majewski, Marco Matthes, Daniel Mühe, Mirjam Sommer, Christoph Türkay, Paul Wenning

„Ich hätte heute Abend bei meiner Mutter bleiben sollen!“

 

Richard Kleiber ist erfahrener Politiker und leistet gerade dem Ministerpräsidenten Schützenhilfe. Eigentlich. Und eigentlich ist Richard glücklich verheiratet. Außerdem geht er gerade eigentlich ein bisschen fremd mit dem Sekretär des Oppositionsführers, während im Parlament die entscheidende Debatte ansteht. Uneigentlich aber läuft bei seinem Rendezvous in der Suite eines Nobelhotels so ziemlich alles schief. Noch bevor die Austern serviert sind und der Minister auf Touren kommen kann, klemmt ein toter Mann im Fenster. Der muss natürlich umgehend verschwinden, damit ein Karrieregefährdender Skandal vermieden wird. Also wird Richards treuer Sekretär Georg herbeizitiert, um akut Hilfe zu leisten.

Doch mit ihm geht die Sache nicht gut aus, sondern alles schief, was schiefgehen kann.

Der misstrauische Hotelmanager drängt auf Ordnung, ein geschäftstüchtiger Kellner stellt im falschen Moment die richtigen Fragen, der Mann des Sekretärs sucht im ganzen Hotel nach seinem Geliebten, der Tote verschwindet in völlig unpassenden Momenten, verliert sein Gedächtnis und taucht schließlich als Privatdetektiv wieder auf. Wie gut, dass Richard Kleiber Politiker ist. Wendig und wortgewandt läuft er zu Vertuschungshochtouren auf und schafft sich jedweden Vorteil mit wechselnden Koalitionspartnern, während alle um ihn herum in Schach gehalten, aneinander vorbei geschoben und taktisch platziert werden, damit die heiklen Wahrheiten verborgen bleiben.

Doch das Lügenlabyrinth wird immer komplexer

Die Paranoia nimmt zu, während zeitgleich im Landtag die entscheidende Debatte eskaliert. Als dann auch noch Kleibers Frau und die grantige Pflegerin von Georgs Mutter im Hotel auftauchen, überhitzt das System gänzlich. Und während die Männer verzweifelt bis zum bitteren Ende rotieren, um zu retten, was längst nicht mehr zu retten ist, nutzen die Frauen die Gunst der Stunde und schaffen durch taktisch gut platzierte Fragen Tatsachen, mit denen die Männer auch am nächsten Tag noch leben werden müssen.

Fein seziert und nicht mit dem Vorschlaghammer serviert

Die Farce „Außer Kontrolle“ begeistert, das Deutsche Theater in Göttingen ist außer Rand und Band: Noch nie wurden auf seiner Bühne so viele Türen geknallt. Es herrscht Plüsch-Alarm im DT. Die Vorbühne ist abgebaut und auf dem zusätzlichen Raum wartet Jan-S. Beyer als Hotelmusiker auf das Publikum. Im Hintergrund dudelt zart Easy Listening. Mit einem Sakko in Bordeaux und einer monströsen Heimorgel im Hintergrund wirkt Beyer, als käme er gerade vom Franz-Lambert-Nachfolge-Seminar. Von links betritt Paul Wenning, als Zimmerkellner Mischwald, ebenfalls in Bordeaux gekleidet, den Zuschauerraum. Die Parallelen zum James aus dem „Dinner for One“ sind nicht zu übersehen. Die Litanei über die Vorzüge des 2013er Chateau de Dingenskirchen de Grand Vin wird zu seinem same procedure. Aber es ist herrlich, wie er hier die Plattitüden und Versatzstücke der Sommeliers, Connaisseurs und anderer Blender aneinanderreiht. Er füllt das Edelgetränk in eine Karaffe um und ersetzt ihn durch TetraPak-Wein. Der Reigen der Betrügereien ist eröffnet und die Karaffe spielt zum Schluss noch eine Nebenrolle beim Siegermahl. Nichts von wegen Humor auf dem Niveau eines Vorschlaghammers. Die Farce ist bis ins Detail durchdacht und durchkonstruiert. Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf die Suite 548 des Maritim Airport. Dem Original nachgebaut geizt es nicht mit dem hölzernen Charme der Provinz. Die passende Bühne für Landespolitiker mit Ambitionen und jeder Menge Bauernschläue. Es wird keinen Umbau geben. Alles was passiert, passiert genau in dieser Suite. Das verdichtet das Geschehen und gibt ihm eine klaustrophobische Note. Kein Entrinnen möglich. Doch die Komödie „Außer Kontrolle“ ist mehr als ein Spaß für alle. Die Inszenierung von Antje Thoms kann man auch als feine Analyse verstehen. Muss man aber nicht. Auf jeden Fall ist sie temporeich und vielschichtig. Zum überraschenden Schluss gibt es die Erkenntnis, dass manchmal die die Kontrolle haben, von denen man es am wenigsten geglaubt hätte. Es bleibt eine Lektion in Sachen Moral, über die man einfach mal nur kräftig lachen darf. Antje Thoms ist mit dieser Inszenierung mehr als eine Übersetzung ins Niedersächsische gelungen. Die Farce ist auch eine Frage nach dem Machtgefüge. Das Siegermahl ist ein Triumph der Öffentlichkeit, die sich nun die nächsten Blender vornimmt. Mit donnerndem Applaus sichert das Göttinger Publikum die Unterstützung zu.

Rasante Unterhaltung

Hinsetzen, anschnallen, lachen: Antje Thoms inszeniert schwindelerregend schnelle Farce. Ein tolles, turbulentes Stück Theater. Tempo, Witz und eine schwindelerregende Rasanz hat Regisseurin Antje Thoms in das Stück gepackt. Angelegt wie ein klassisches Boulevardstück – Tür auf, Tür zu, ab in den Schrank – ist es doch viel mehr. Herrlich: die spitze Überzeichnung der Charaktere und das überraschende Ende. Es ist jede Sekunde ein unglaublich unterhaltendes Spiel, das Thoms auf die Bühne gebracht hat. Die Zuschauer lachen, manchmal gibt es kleine Zwischenrufe, wenn jemand erwartet, dass das Fenster zuschnappt – es aber gerade dann nicht passiert. Das Publikum geht begeistert mit, hat Spaß und belohnt das turbulente und schweißtreibende Spiel der Schauspieler mit langem und intensivem Applaus. Viele Besucher hatten nach Vorstellungsende, ein sehr, sehr breites Lächeln im Gesicht. Was für ein Spaß.

Ein erstklassiger 2013er…

Politiker lügen, wenn sie den Mund aufmachen, und fürchten nichts so sehr wie den mit einem Skandal einhergehenden Macht- und Imageverlust. In Cooneys Farce wird dieses Thema mit viel Slapstick und bissig-sarkastischem Wortwitz verarbeitet. Schon die Weinbegleitung ist bezeichnend: Der mit einigem Brimborium präsentierte „vorzügliche 2013er“, der als Running Gag durch das Stück geistert, kommt in Wirklichkeit aus dem Tetra-Pack und steht so sinnbildlich für ein durch und durch skrupelloses Gewerbe, zu dem die Politik immer mehr mutiert. Im Mittelpunkt des Abends steht Richard Kleiber, Minister der Regierung, der eine anstehende Parlamentsdebatte als Alibi für ein Schäferstündchen nutzt, welches ausgerechnet mit dem Sekretär der Opposition in der seelenlosen Suite eines Luxushotels stattfinden soll. Was die beiden nicht eingeplant haben, ist ein Fenster mit beängstigendem Eigenleben und eine Leiche, die am Ende gar nicht so tot ist. Um diese Konstellation entwickelt die von Antje Thoms mit atemberaubender Rasanz inszenierte Posse ein überdrehtes Verwirr- und Verwicklungsspiel, in dem die Protagonisten von einer Kalamität in die nächste taumeln. Derb, laut und bösartig überzeichnet, stellt die Vorführung das Zwerchfell der Zuschauer immer wieder vor ernsthafte Belastungsproben und sorgt so für glänzend kurzweilige Unterhaltung. Ein solcher Abend funktioniert nur, wenn es gelingt, den wenig feinsinnigen Klamauk als komisch zu verkaufen. Sonst verpuffen die Scherze, und die Vorstellung gerät zur Peinlichkeit. Eine Aufgabe, die das durchweg großartig aufgelegte Ensemble jedoch mit viel Spielfreude bravourös meistert. Wer einen Theaterabend auch als reines Mittel zur kurzweiligen Unterhaltung begreifen kann, sollte sich dieses Stück unbedingt ansehen und sich von einigen wirklich fantastischen Knalleffekten begeistern lassen.

Wenn das Fenster zum Fallbeil wird

Vielleicht stimmen sogar die Telefonnummern, die man sich hier weitergibt. Ganz nah und realistisch präsentiert sich das Stück „Außer Kontrolle“, Schauplatz ist das Maritim-Hotel am Hannoveraner Flughafen, dessen Schriftzug durchs Fenster leuchtet. Der Ansatz von Hausregisseurin Antje Thoms ist klar: Je realistischer das Ambiente, desto abgedrehter wirkt die Handlung. Cooneys Farce treibt die Regel, wonach eine Lüge immer weitere nach sich zieht, auf die Spitze. Und Christoph Türkey ist als alerter Minister ein Genie im Erfinden stets neuer abstruser Erklärungen – bis zum überraschenden Schluss. Hätte man die Zuschauer anschließend gebeten, alle Wendungen des Stücks noch einmal nachzuvollziehen, es wäre einigen wohl schwergefallen. Held dieses Ensembleabends ist neben Paul Wennings Zimmerkellner, der sich einmal sogar im Brautkleid wiederfindet, der in seiner wachsenden Verzweiflung urkomische Marco Matthes als Sekretär. Auch einen „falling gag“ des Abends gibt es: das Zimmerfenster, das hier regelmäßig zum Fallbeil wird. Es gab viele Lacher und viel Beifall für ein Stück, das zwar im politischen Milieu spielt, dem gesellschaftskritisches Potenzial zuzuschreiben aber zu viel der Ehre wäre.

Gratwanderung zwischen Lüge und Wahrheit

Was erwartet man von einem Politiker? Klare Argumentationslinien, gutes Fachwissen, ehrliche Aussagen, Herr der Lage zu sein. Nichts ist schlimmer als wenn ein Skandal das Urvertrauen in einen Politiker erschüttert und eine menschliche Schwäche den Schein der unfehlbaren Führungsraft zerbricht.

„Außer Kontrolle“ ist eine rasante Verstellungskomödie, in der ein Minister verzweifelt versucht einen drohenden Skandal von sich abzuwenden. Eingerahmt wird die Farce von der sprachgewaltigen Beschreibung eines Weins, vorgetragen von der enthusiastisch gelangweilten Stimme des Hoteldieners. Das Loblied auf den erlesenen Tropfen, der in Wahrheit nur aus dem Tetra-Pack gezapft ist, ist das satirische Spiegelbild für den Schein, den ein Politiker um sich mit eloquenten Phrasen aufbaut. Das Theaterstück lebt von der Situationscomic, die aus dem Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Charaktere in skurrilen Situationen erwächst. Jeder Charakter ist fein gezeichnet und schauspielerisch unglaublich gut umgesetzt. Besonders unvergesslich sind die Darbietungen des Sekretärs Georg Weber (Marco Matthes), der sich mit seinem feinbesaiteten Temperament in diesem Schlamassel sichtlich unwohl fühlt und des schwerfälligen Hotelpagen Alfons Edgar von Mischwald (Paul Wenning), der mit seiner altersbedingten Gelassenheit einen komischen Kontrapunkt zum Chaos um ihn herum setzt. Insgesamt überzeugt das Werk mit einer sehr dynamischen und detailverliebten Inszenierung, der hervorragenden schauspielerischen Leistung und einem Feuerwerk an Witzen. Lacher im Minutentakt sind garantiert. Das Besondere an dieser Farce ist ihre Realitätsnähe. Trotz aller Übertriebenheit fühlt man, dass so etwas auch im Niedersächsischen Landtag passieren könnte. Die Gratwanderung zwischen Lüge und Wahrheit, der gefährliche Handel mit Informationen und das Aufräumen von Leichen taucht immer wieder im Umfeld der Politik auf. Das Stück ist sowohl denen zu empfehlen, die sich nach zwei Stunden Unterhaltung sehnen, als auch denen, die hinter die Fassade einer Komödie blicken wollen.