„Selten musste man so aufpassen, dass einem der Premieren-Imbiss (Hochzeitssuppe)nicht im Halse stecken blieb – mal vor schonungsloser Erkenntnis, nicht selten vor bösem Lachen. Denn Antje Thoms inszeniert August Strindbergs Stück konsequent an der Grenze zwischen abgründigem Drama und nihilistisch-schwarzer Komödie.“

2011, Inszenierung am Theater Ulm

Text: August Strindberg, übersetzt von Heiner Gimmler Regie: Antje Thoms Dramaturgie: Nele Neitzke Ausstattung: Britta Lammers Fotos: Hermann Posch

Mit: Karl-Heinz Glaser, Gunther Nickles, Ulla Willick

„Und das Finale:
eine Schubkarre voll Dünger und nicht mal erstklassiger!“

Edgar und Alice leben seit gefühlten Jahrhunderten in ihrer Ehe, in einem unwirtlichen Nirgendwo, umgeben nur von Strandhafer, feindlich rauschendem Meer, heulendem Wind und einer sie ausschließenden Inselgemeinde. Die Kinder sind aus dem Haus, die Langeweile ist Routine geworden und je länger man sich kennt, desto mehr liegen die Schwachpunkte des Partners offen da.

Vorhaltungen, Vorwürfe, Destruktion: das Paar hat es sich in der menschlichen Vorhölle gemütlich gemacht.

Zur Silberhochzeit kommt Kurt, Weggefährte einer glänzenden Vergangenheit. Auf seinem Rücken werden die gegenseitigen Vorwürfe mit doppelter Schärfe ausgetragen, der Stellungskrieg des Paares spitzt sich angesichts dieses neuen Zuschauers noch einmal zu, ein letztes Mal geht es um alles: Leben und Tod, Liebe und Hass, Siegen oder besiegt werden. Dann ist die Schlacht geschlagen, Kurt verschwunden, die Erschöpfung und die Trauer über die Banalität des menschlichen Daseins sind grenzenlos.

Halt im Hass – Erschreckende Szenen einer Ehe

Regisseurin Antje Thoms findet mit ihren Hauptdarstellern Ulla Willick und Karl Heinz Glaser die bitterböse Komödie im abgründigen Drama. Ist es nicht schön, was die beiden da miteinander treiben: Sie tanzen einen Walzer, dann küsst er neckisch ihren Hals, schließlich fährt er sie in einer Schubkarre albernd durch den Garten. Nein, es ist gar nicht schön. Der Walzer? Hier geht es um einen „Totentanz“. Der Kuss? Er beißt zu, später wird sie ihn Vampir nennen. Die Schubkarre? Ist eigentlich dazu da, so ätzt er, Leichen wegzuräumen, bevor sie verscharrt werden. Leichen gibt es keine in diesem „Totentanz“, aber wer mag das andererseits schon Leben nennen, was Antje Thoms da vorführt. Sie hat August Strindbergs Drama am Theater Ulm effektvoll inszeniert. Das erste Bild, ein Idyll: ein einsames Häuschen am Wasser, farbsatte Abendstimmung, Nebel zieht auf. Das Adagietto aus Mahlers Fünfter wärmt mit Melancholie. Tod in Venedig? Untot am Meer! Gereizte Stimmen zerreißen die Ruhe. Strindberg schildert drei Tage in der Ehehölle: Sticheleien und Gemeinheiten, Brutalität und Herzlosigkeit, Intrigen und Verrat in Endlosschleife. Dann kommt Besuch: Kurt, Alices Cousin, will Frieden finden und gerät in den Machtkampf. Erst als Zeuge, dann als Mitspieler, schließlich als Opfer. Markant arbeitet Thoms heraus, wie Alice und Edgar im Hamsterrad des Hasses gefangen sind. Denn Hass ist es, was die beiden zusammenschweißt, genauer: die Routinen des Hasses. Es klingt paradox, aber das Destruktive ist das Einzige, was für Halt sorgt; ewiges Gegeneinander als elendes Miteinander. Strindberg feiert im „Totentanz“ seinen Glauben an des Menschen finsteren Kern. Thoms lässt das als schwarze Komödie spielen. Alice und Edgar servieren ihre Spitzen wie Pointen – und das sind sie auch. Wie das Böse sich hier letztlich selbst genügt, wie sich zwei Scheusale eben doch als Paar arrangieren, ist der gemeinste Witz. Britta Lammers reizvolles Haus-am-Meer-Bühnenbild vermittelt anschaulich Isolation und Lebensferne des Paares. Erinnerungen an bessere Zeiten sind rar, brüchig. Ein mächtiger Baum wirkt wie abgestorben, von weit oben ragt ein Ast herein: wie ein Galgen. Sind die beiden schon tot und merken es nur nicht? Licht und Musik spielen eine wichtige erzählerische Rolle, Thoms setzt sie geradezu expressionistisch ein. Metaphorisch windet, grollt und strahlt die Natur, glutrot, dann aschfahl und wieder satt violett leuchtet der Himmel. Gustav Mahlers Streicherwehmut, die unweigerlich Assoziationen an Viscontis morbide Filmwelt weckt, vor allem aber Liszts pianistisch-orchestrale „Totentanz“-Variationen über das Dies Irae (Tage des Zorns!) vermitteln übersteigerte Theatralik. Ja, hier spielen zwei auch großes Drama, Melodrama. Karl Heinz Glaser bietet es gestisch und mimisch, mit Blicken und Worten. Sein Edgar zerkaut Sätze, spuckt sie heraus, höhnisch, grimmig, hinterlistig. Sein Körper wechselt zwischen Unruhe, Anspannung und Ermattung, er ist mal latent, mal offen aggressiv. Wenn er vor farbschillerndem Himmel geschmerzt seine Hände an die Schläfen presst, die Augen panisch aufreißt: Das ist „Der Schrei“ Edvard Munchs. Ulla Willick gibt wohldosiert die Gelangweilte, Spöttische, Angeekelte. Ihre Alice wechselt zwischen ausgeleiertem Zynismus und eleganter Illusionslosigkeit, genüsslicher Schärfe und selbstgewisser Verächtlichkeit. Und sie lässt doch durchscheinen, was diese Alice früher einmal gewesen sein muss. Bös und Bös gesellt sich gern: Diese Erkenntnis hat etwas Befreiendes. Man darf auch lachen. Aber Vorsicht: Es könnte sich um ein böses Lachen handeln.

Szenen einer Ehehölle

Selten musste man so aufpassen, dass einem der Premieren-Imbiss (Hochzeitssuppe) nicht im Halse stecken blieb – mal vor schonungsloser Erkenntnis, nicht selten vor bösem Lachen. Denn Antje Thoms inszeniert August Strindbergs Stück im Großen Haus konsequent an der Grenze zwischen abgründigem Drama und nihilistisch-schwarzer Komödie. Ihr „Totentanz“ reüssiert durch die stimmige Haus-am-Meer Szenerie und zwei Stunden sehenswerte Schauspielkunst.

Zwei wie Pech und Schwefel

Am Himmel hinter der Bühne braut sich was zusammen. Doch gegen das, was auf der Bühne passiert, ist es nur ein laues Lüftchen. In „Totentanz“ von August Strindberg steigert sich der ritualisierte Kampf eines alternden Ehepaares zum Inferno. Im Zentrum von „Totentanz“ stehen der vergreisende Hauptmann Edgar und seine Frau Alice, zwei wie Pech und Schwefel – und das ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen: Die Ehe der beiden ist kurz vor der Silberhochzeit ein Schlachtfeld von Routine und gegenseitiger Abneigung, die Kinder sind aus dem Haus oder tot, zu den anderen Bewohnern der abgelegenen Insel pflegen die beiden dank der Misanthropie des von Krankheit gezeichneten Offiziers ein Nicht-Verhältnis. Da kommt mit dem Quarantänemeister Kurt ein alter Freund zu Besuch, der prompt zum Teil der bösen Ränkespiele des Paares wird – bis zum zynischen Finale, das nicht nur den armen Kurt anwidert. Regisseurin Antje Thoms lässt das Drama in einem Garten am Meer spielen: in Sachen Boshaftigkeit stehen Edgar und Alice einander in nichts nach. Das ist eine übersteigerte Ehehölle mit zwei Protagonisten, die einander zwar fraglos verdient haben, aber einem doch fremd bleiben – Gott sei Dank. Den Hauptfiguren des Stückes würde man ein Ende beim Scheidungsrichter wünschen.

Nach dem Inferno zurück zur Tagesordnung

Strindbergs „Totentanz“ im Meinungsspiegel des Premierenpublikums – Christina Engelhard: „Die Atmosphäre zwischen Edgar und Alice fühlt sich an wie ein Gummiband, der Kampf geht hin und her. Langweilig war es in keinem Moment. Wahrscheinlich ist das Stück schon realistisch. Paare bleiben ja oft nur wegen der Kinder oder wegen irgendwelcher Lebenssituationen zusammen. Im Alter kann es wohl wirklich so enden.“ „Gruselig“, sagt Petra Löwe. „Das Ende war für mich sehr überraschend. Dass Alice und Edgar zur Tagesordnung übergehen! Ich hatte erwartet, dass etwas Dramatisches passiert, dass Edgar Alice umbringt oder tot umfällt. Aber dass die einfach weitermachen!“ „Aus dem Leben gegriffen“ findet Bernd Nobis Strindbergs Stoff. „Mir hat die Inszenierung gefallen.“ „Das Stück ist sehr statisch“, urteilt Harry Hieb. „Mir fehlt ein Bruch, eine Steigerung. Aber das liegt am Stück, die Inszenierung selbst ist gut, und vom Bühnenbild und der Beleuchtung bin ich sehr angetan.“ „Gut gefallen“ hat der „Totentanz“ Dr. Karl Friedrich Kirchner. „Ulla Willick und Karl Heinz Glaser spielen eindrucksvoll, die Inszenierung ist glänzend gestaltet. Das sparsame Bühnenbild und die Lichteffekte haben mich sehr angesprochen.“ Wolfgang Frauendorf bewundert die schauspielerische Leistung: „In den meisten Stücken stehen ja mehr als drei Leute auf der Bühne, sodass die Schauspieler nie über die ganze Länge des Stücks präsent sein müssen. Der „Totentanz“ lässt den drei Schauspielern keinen Raum, sich einmal kurz zurückzunehmen.“

Zuschauerstimmen zu Totentanz

Christof Heim (34), Weilheim/Teck: „Das ist ein tolles Schauspiel mit drei tollen Schauspielern, die es geschafft haben, die große Bühne zu füllen. Das Bühnenbild finde ich toll.“ Konstantin Brade (21), Dornstadt: „Ich fand den Totentanz gut gespielt und inszeniert, das Bühnenbild sehr gut. Bei der Hexenjagd war es mir zu puristisch und bei Madama Butterfly zu langweilig.“ Eckhard Steger (74), Ulm: „Mir und meiner Frau hat die Vorführung sehr gut gefallen. Wir sind 51 Jahre verheiratet, ich kenne mich im Eheleben aus und Eheprobleme sind immer wieder da, wobei wir nie so gestritten haben wie die. Das Bühnenbild fand ich besonders gut, insbesondere die Beleuchtung des Horizonts und die Musikunterlegung, da hätte man ins Schwärmen kommen können. Wir älteren Menschen haben manchmal Hörprobleme im Theater, an diesem Abend aber nicht.“ Irene Trojan (58), Burlafingen: „Die Schauspieler haben die Charaktere sehr gut verkörpert, Bühnenbild und Lichteffekte waren gelungen. Mich beeindruckt immer wieder, wie effektiv am Ulmer Theater mit Licht gearbeitet wird. Eine sehr stimmige Inszenierung.“