„Am Ende ist diese Viertelstunde wie Balsam für die Seele.“

2020, Inszenierung am Deutschen Theater Göttingen

Konzept: Antje Thoms und Florian Barth Text und Tonregie: Antje Thoms Ausstattung und Video: Florian Barth Titelfoto: Swen Pförtner Mit: Ensemble des DT Göttingen

„Ist die Welt voll von geheimen Botschaften?
Ist alles ein Kreislauf?
Wo soll das alles hinführen?
Muss man die Dinge nüchtern betrachten?“

In Göttingen ist seit dem 11.11.2020 das Deutsche Theater frontal und seitlich mit Sperrholzplatten „verrammelt“. Weil keiner rein darf? Weil die Kunst nicht raus darf? Das Theater ist geschlossen, so viel ist klar. Täglich eine Viertelstunde lang führt das leerstehende Theater ein Eigenleben. Aus seinen Fenstern glüht es, von der Fassade blinzeln Augen. Der Engel über dem Portal scheint zu schweben. Im Glasfoyer wabern Nebelschwaden. Vom Dach des Hauses melden sich geisterhaft die Stimmen des Ensembles, bis sie um 18 Uhr von den Kirchenglocken abgelöst werden.

Einem Gedanken, einer Frage nachhängen, ist ein poetischer Moment

Ohne Antwort zwar, scheinbar nutzlos und trotzdem lebensnotwendig. Ein Moment der uns mit anderen verbindet. Es scheint aus der Mode gekommen zu sein, Fragen zu stellen. Es herrscht eine Mentalität der Antworten. Ohne Fragen passt alles zusammen. Nichts stört. Fragen können alles verändern. Fragen öffnen. Fragen konfrontieren uns mit uns selbst und führen zu neuen Blickwinkeln. Ohne Fragen keine Überraschungen. Ohne Fragen keine Veränderung.

Wo ist die Seele?

Eine der Fragen von Antje Thoms, und am Ende ist diese Viertelstunde wie Balsam für die Seele.

Installation am Wall

Schon von Weitem vernimmt man die Stimmen, unterwegs auf dem Wall und dann mit der Aussicht auf den Theaterplatz, wie sie jetzt mit ihren Fragen Spaziergänger und Passanten aufmuntern und sie manchmal bestimmt ein bisschen irritieren. „Welches Bein ist Dir beim Gehen sympathischer, das am Boden oder das in der Luft? Wie lange kannst Du den Atem anhalten? Wann hast Du das letzte Mal einen Purzelbaum gemacht? Was verstehst du manchmal immer noch nicht?“ Drei Augen blicken wachsam aus den drei runden Fenstern über dem Eingangsportal des Deutschen Theaters, während aus den Lautsprechern bereits weitere Fragen die Verkehrsgeräusche und die Betriebsamkeit zum Feierabend unterwandern. „Warum ist der Himmel blau? Warum weint man manchmal erst, wenn man getröstet wird? Wie oft gehst Du ohne festes Ziel vor die Tür?“ Antworten gibt es keine zu hören, aber ein Rätsel in diesem Spiel vom Fragen haben die Theatermacher mit Regisseurin Antje Thoms auf alle Fälle gelöst. „Wie steigt man über einen Zaun, den man im eigenen Kopf hat?“ Täglich um 17.45 Uhr steigen sie mit ihrer Installation über diesen Corona-Zaun, der das Gebäude jetzt auch real umgibt. Vor den Zuschauereingängen wurde eine hölzerne Palisade errichtet, die nicht nur symbolisch auf die täglichen Lockdown-Barrikaden verweist. Das Theaterleben verkümmert, solange keine Vorstellungen stattfinden können und keine Begegnungen mit dem Publikum. Wenn sich dann über dem gläsernen Dach eine Nebelwolke ausbreitet, ist ein Blick um die Ecke fällig. Dort lässt sich an dem Leuchtbanner verweilen, auf dem alle Fragen in Dauerschleife auch optisch kursieren. Manche lesen sich wie gedankliche Stolperfallen, andere wie kleine Absurditäten neben schlichten Sinnfragen, alltäglichen Kommentare mit Fragezeichen und sind oft einfach zum Staunen gedacht. „Macht die Natur deshalb so glücklich, weil sie keine Meinung von uns hat? Wie sehen Vögel eigentlich die Welt? Was ist Kokolores? Muss man immer die Wahrheit sagen? Lügt das Chamäleon?“ Antje Thoms hat sich im kreativen Bündnis mit Bühnenbildner Florian Barth natürlich auch ein paar Fragen gestellt. Geht Theater auch ohne Darsteller, nur mit Nebel, Licht und Augen, die aus Bullaugen gucken. Auch bei der Frage, „Ist es nicht schön, wenn man zumindest einmal am Tag zufällig am Theater vorbei kommt und einen anderen Input bekommt als Nachrichten?“, stimmen ihr täglich weitere Passanten zu. Manche halten vielleicht bei einem Reim mit zwei Ohren, Leid und Not und Hamstertod inne, andere wenden vielleicht spontan den Kopf, weil ja doch etwas hinter ihnen sein könnte, wenn sie sich umdrehen oder sie fragen sich spontan, wie lange sie den Atem anhalten können oder ob einem die Welt größer vorkommt, wenn man das Meer sieht. Thoms wurde beim Fragen suchen und finden vor allem im Netz fündig. Während die langjährige DT-Regisseurin auch das beschreibt, was die Theaterbesucher zurzeit an berührenden und nachdenklichen Begegnungen bei den Vorstellungen vermissen, macht viele Passanten auch das unscheinbare weiße Plakat an der hölzernen Lockdown-Barrikade neugierig. Das informiert zwar nur darüber, dass der Zugang zur Theaterkasse vorübergehend über den Bistroeingang an der Wallseite erfolgt. Aber es zeigt, dass sie über diese Installation rätseln. Ob zufällig unterwegs oder bei einem geplanten Zwischenstopp haben sie für manche Fragen bereits eine gemeinsame Antwort. „Bist Du hier richtig? Schaust Du Dich oft um?“

Offensive Stellungnahme

Jeden Tag von 17.45 Uhr bis 18 Uhr lassen sie ihr eingezäuntes Haus erglühen und Nebel im Foyer wallen. Hinaus in die Stadt schallen Schauspieler*innen mit immer neuen Beispielen aus einem Katalog von 1.000 Fragen: „Wo soll das alles hinführen? Habe ich die Welt in mir oder ist sie außer mir? Ist Gott eine Erfindung des Menschen? Können Fische rückwärts schwimmen? Warum machen Sonntage uns traurig?“ Täglich kommen 20 bis 30 Menschen zum Gucken, Lauschen und Nachdenken zu dieser wohl offensivsten Stellungnahme zum fortgesetzten Theater-Lockdown im Norden.

Theater im Kopf

Wenn Ihr Theaterpublikum jetzt in der Dunkelheit vor der erleuchteten Fassade, vor dem Bauzaun, den Vorschriften entsprechend mit Abstand steht, auf die drei Augen und die beleuchteten Fenster schauend, die so ungewöhnlichen Fragen, die Gedicht- und Liedausschnitte hörend, dann entsteht Theater im Kopf! Ich stand da und lauschte diesen Stimmen … all diese Fragen und der Schriftzug über dem Bistro … Es hatte etwas Gespenstisches, gleichzeitig auch Tröstliches: Wir dürfen wohl mal verwirrt sein, uns in Fragen verirren, in Anbetracht all der diesjährigen Veränderungen nah und fern! Oder anders: Wir sollten uns endlich jetzt sofort ganz andere, eben diese, scheinbar abwegigen Fragen stellen … Interpretation offen.